Indien: Delhi – Sylvester in der Hauptstadt

Claudia: Dehli, 30.12.02. Wir landen im Dunkeln an einem Busbahnhof 15 Kilometer ausserhalb von Delhi. Erstaunlich gut klappt die Weiterfahrt mit einem Taxi. Unser Fahrer sieht recht seriös aus. Es ist ein unglaublich großer Sikh mit großem Turban, passt kaum in die kleine Karre. Aber im Auto verwandelt sich selbst der seriösest erscheinende Inder in einen Raser. Er fährt mitten auf der Straße oder ganz rechts. Es ist wie in einem Videospiel. Völlig unwirklich rasen bei diffusem Licht auf relativ breiter Straße viele kleine Rikschahs, Busse, Trucks aufeinander zu und zur Seite weg oder haarscharf aneinander vorbei. Das Licht funktioniert nur bei den wenigsten vollständig, bei vielen gar nicht. In Parharganj am Main Bazaar werden die Straßen eng und sind voll von Fussgängern, Fahrrad-Rikschas, Mopeds und Kühen. Hier sind die meisten günstigen Hotels. Wir laden vorm Hare Krishna ab, checken ein und sind mitten in Delhi. Das alles haben wir uns viel nerviger und schwieriger vorgestellt. Jetzt sind wir doch Sylvester in Delhi. Wir sind froh über unsere gelungene Flucht aus den kalten, einsamen Bergen.

Lecker Essen.

Aber auch Delhi zeigt sich grau und kalt. Doch für Uwe ist es das Schlaraffenland. Seit seiner Krankheit in Kausani war es schwierig, Kalorien in den Mann zu bekommen. Immer nur Omelettes! In Delhi schlägt er zu und kommt aus dem Essen gar nicht mehr raus: Pizza, Quiches, Lasagne, Apfelstrudel!
Uwe: Und die Gerichte klingen nicht nur gut, sie schmecken auch ausgezeichnet. Der Apfelstrudel ist wirklich wie von meiner Mama!

Claudia: 31.12.02. Wir sitzen gerade wieder in Sam`s Cafe und schlemmen ein paar der feinen Köstlichkeiten, da schlufft ein bekanntes Gesicht die Treppe rauf. Es ist Jürgen Erdmann, der mit seinem geklauten Gartenzwerg durch die Welt reist und immer wieder den ahnungslosen Besitzern Fotos schickt (schon lange vor “Amelie”). Wir hatten ihn Pfingsten 2002 auf dem Globetrotter-Treffen in Hachenburg, Hessen, kennen gelernt. Jetzt ist er auf dem Weg zu den Andamanen. So feiern wir gemeinsam Sylvester. Mit dabei ist noch Woody, ein Kite-surfbegeisterter Neuseeländer, ein geschichts- und kulturbewusster Franzose, ein lauter Inder und ein kichernder Japaner. Wir sitzen ungemütlich im Hotel Vivek. Die wenigen Bars in der Nähe haben alle geschlossen! Vom Dach des Hotels schauen wir uns das Feuerwerk an, das vereinzelt abgeschossen wird. Ich knipse zum ersten Mal mit einem Mobile ein Foto. Klar, das Mobile gehört dem Japaner. Frohes Neues Jahr!

Es lebe die Vielfalt
Uwe: Es ist schon komisch. Da hat uns fast jeder von Delhi abgeraten (“Delhi ist nur schrecklich”, “Es gibt nichts Gutes an Delhi”) und jetzt geniesse vor allem ich den Aufenthalt. Ich habe das Gefühl, mich hier entspannen zu können. Ich schlemme mich durch die Cafes und Restaurants, wir treffen viele nette Reisende und die anstrengenden Seiten Indiens sind uns schon vertraut. Auf dem Main Bazaar, der belebten “Geschäftsstraßegroß” im Parharganj-Viertel bin ich permanent damit beschäftigt, anderen Fußgängern auszuweichen, nicht von einer Rikscha überfahren zu werden, die aufdringlichen Händler abzuwimmeln, den Kuhfladen auszuweichen, das eigentliche Ziel und vor allem Claudia nicht aus den Augen zu verlieren. Am schlimmsten finde ich die wahnsinnigen Scooterfahrer, die laut hupend durch die Menge rasen und darauf vertrauen, dass schon alle beiseite springen. Nicht selten werden doch Leute angerempelt. Dagegen sind die Kühe, die sich stumpf, unbeirrbar und schön langsam durch das Chaos bewegen, regelrechte Ruhepole. Obwohl auch die rempeln können, und wie! Alles andere als Ruhepole sind aber die zahllosen Stromgeneratoren, die vor jedem Shop stehen. Wenn der Strom ausfällt, und das passiert jeden Tag mehrmals, wird nicht nur zusätzlicher Lärm, sondern natürlich auch Abgasgestank produziert. Dann wird`s langsam unangenehm. Sonst macht es schon Spaß, gebratene Kartoffeln aus einem Schälchen zu naschen und das Treiben zu beobachten.

Die Menge an Leben und Vielfalt ist einzigartig. Obwohl in dieser Straße unendlich viele Touristen die Hotels bevölkern, findet gleichzeitig das normale indische Leben statt. Da deckt sich eine Inderin mit einem neuen Saree-Stoff ein, dort lädt ein Japaner seine Bilder von der Digitalcamera ins Internet. Es gibt auch hier Bettler. Ein behinderter Junge, der eine Körperhöhe von ungefähr 80 cm erreicht, bewegt sich wie eine Strandkrabbe mit Händen und Füßen über die schlammige Straße und schaut mich mit großen Augen von unten an. Direkt vor unserem Hoteleingang sitzt eine alte Frau und hält die Hand auf. In Deutschland wäre sie längst vertrieben worden. In Indien gehören auch die Bettler zur Gesellschaft und werden akzeptiert.

Es lebe das Chaos
Das Treiben auf dem Main Bazaar wirkt chaotisch. Im Kleinen setzt sich dieses Chaos fort. Claudia guckt sich Schals an, in einem Laden, der aus kaum mehr als einer Nische in einem Durchgang zu ein paar Hinterhäusern besteht. Viele Artikel liegen wie auf einem Wühltisch auf einem Haufen. Und was noch verpackt im Regal liegt, zieht der Verkäufer fix raus, zeigt es Claudia, um damit den Wühlberg zu vergrößern. Zwischendurch bewundere ich die elektrischen Installationen in der Nische. Es sieht so aus, als befände sich hier auch die Schaltzentrale für die ganzen Hinterhäuser. Mindestens zwanzig prähistorische, riesige Schalter sind mit wohl 20.000 dicken, verstaubten Kabeln irgendwie verbunden. Viele Kabelenden blank, einfach so. Es ist kein System zu erkennen und die ganze Wand ist voll. Der Shopbesitzer kann hier jedenfalls nicht sein Sortiment erweitern. Vielmehr ist das Gewirr dazu geeignet, Schmutz und allerlei Viechzeug zu fangen.

Mehr Platz gibt es in Neu Delhi. Hier sind die Straßen breit und es gibt Bürgersteige. Das heißt natürlich nicht, dass hier keine Kühe unterwegs sind (Bild 80kB).

Tempel-Tour in Delhi

Der Lotus Tempel.

Claudia: Wie überall in Indien gibt es auch in der Hauptstadt zahlreiche Tempel. Wir besuchen den Lotus-Tempel. Der sieht aus wie eine große Lotusblüte. Am schönsten an dem Gebäude ist die Vorstellung, es könne sich womöglich öffnen. Es sieht fast so aus.

Eine unglaublich gepflegte Anlage umzingelt den Tempel. Viele Sicherheitsleute laufen herum und sind damit beschäftigt, dass keiner den Rasen betritt. Pilger bleib auf deinem Wege. An einem bunkerartigem Gebäude entsteht eine Schlange. Hier können wir die Schuhe ausziehen und abgeben. Auch vor dem Tempel gibt es eine Schlange. Freundliches Personal begrüßt die Menge, erläutert, dass jeder aufgefordert ist, in seiner Religion und für seinen Gott zu beten. Das beweist einmal mehr die Toleranz, die so oft in Indien zwischen den Religionen zu spüren ist.
Drinnen stehen kühle Marmorbänke. Alles ist unglaublich schlicht, wirkt ein bisschen kalt. Der Tempel ist außen wegen seiner außergewöhnlichen Bauweise ein Touristenmagnet. Innen jedoch, so erscheint es mir, wird keine der verschiedenen Religion wirklich gelebt.

Das krasse Gegenstück befindet sich nur einige Schritte entfernt. Wir gehen über die Straße, landen plötzlich in einem Viertel, als wären wir in einem kleinen indischen Dorf. Viele Stände verkaufen die üblichen Devotionalien: Kokusnüsse, Blütengirlanden und derlei. Bald schon stehen wir – ganz ungewollt – wieder in einer Schlange. Wieder heißt es Schuhe aus. Wir zögern kurz. Schmuddelige Pfützen auf einem gekachelten Weg machen nicht gerade Lust auf Barfußlaufen. Was soll`s. Wir sind mittendrin.
Am Tempel geht es einmal rum und dann rein. Und innen ist es mehr wie auf einem Jahrmarkt als in einem Tempel. Zwei Männer stehen in der Mitte und nehmen die Opfergaben der drängelnden Menge an, meistens Blumen, schaffen sie beiseite. Platz für mehr muss her. An der Seite werden wir mit einem roten Band um den Arm versorgt und um eine Spende gebeten. Ein marmorner Schrein scheint wichtig und heilig zu sein. Alle fassen ihn an, halten dort inne, beten. Was für ein Tumult. Was für ein Kontrast zum Lotus-Tempel.

Ein Guru-Abbild.
Der Harekrishna Tempel.

Aber es geht noch weiter. In der Ferne sehen wir einen weiteren, architektonisch auffallenden Tempel. Es ist ein Hare Krishna Tempel. Viele junge Menschen und Hare Krishna Anhänger sind hier. Mitgliedschaften werden angeboten. Bollywood-Bühnenbildner haben hier eine Multimedia-Ausstellung über die Veden geschaffen.

Alles macht einen äußerst modernen Eindruck. Im Tempel singt jemand und spielt dazu auf einem Mini-Keyboard. An drei Altaren werden von jungen Mönchen Blumen und Spenden angenommen. Neben dem Eingang sitzt eine Statue des Gründer-Gurus, die fast lebendig aussieht.

Die deutschen Seiten von Delhi
Uwe: Was macht ein Deutscher fünf Jahre lang in Delhi? Zum Beispiel die Sprachabteilung des hiesigen Goethe-Instituts leiten, in Delhi als Max Müller Bhavan bekannt. Auf unsere Nachfrage stellt man uns Walter Schweppe vor. Er kümmert sich darum, dass wir an einer Unterrichtsstunde Deutsch für Fortgeschrittene teilnehmen können. Neunzig Minuten unterhalten wir uns mit den jungen Inderinnen und Indern über Deutschland, Indien, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wir sind erstaunt über die erstklassigen Deutschkenntnisse. Die Verständigung klappt problemlos, die Lehrerin, Buneet, spricht fast akzentfrei.

Part of a class at the Max Mueller Bhavan (Goethe-Institut), New Delhi

Uns macht der Austausch viel Spaß und Buneet fand`s wohl auch gut. Sie fragt uns, ob wir am nächsten Tag nochmal kommen. Gerade bespricht sie mit ihren Schüler einen Text, indem sich eine Französin über den deutschen Aufkleber “Parke nicht auf unseren Wegen” auslässt. Dazu hätten wir nur zu gern Stellung bezogen. Leider klappt es nicht, da wir unerwartet zügig einen Flug nach Bangkog bekommen.

Eine indische Seite von Delhi
Die Taxifahrt zum Flughafen klappt auch mit den Rädern problemlos. Wir wundern uns nur, dass bei jedem Ampelstopp die Türen des Fahrers und seines befreundeten Beifahrers synchron auffliegen. Wollen die mit den Nachbarn im anderen Auto quatschen? Nein, sie wollen “nur” spucken. Eine indische Sitte, mit der ich mich in den ganzen drei Monaten nicht anfreunden konnte, scheint hier in Delhi besonders ausgeprägt zu sein: das Kauen und Ausspucken der Bethelnuss. Am Connaught Place sind alle Gebäudeecken und Säulen rot davon. In der Zeitung lesen wir, dass die Metro nach dem Eröffnungstag völlig verschmutzt war. Ueber eine Millionen Menschen wollten transportiert werden – und dabei spucken. Nicht selten haben Männer völlig rote Zähne. Da bekommt ein Lächeln ganz neue Seiten. Aber das ist nur eine von unendlich vielen Seiten Indiens…

Indien – wie war`s?
Claudia und Uwe: Indien erstaunt. Indien ist anstrengend. Indien gibt Hoffnung.
Viele Menschen schaffen es, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln und friedlich und tolerant miteinander zu leben. Das ist der Aspekt, der uns am meisten an Indien beeindruckt. Immer wieder hören wir von Indern, dass sie die Vielfalt an Religionen und Kulturen in ihrem Land lieben. Anders sein ist interessant. Das erfahren auch wir als Reisende in Indien, ziehen wir doch stets zahllose Menschen an. Und das ist der Aspekt, der auch unheimlich anstrengend sein kann. Es ist einfach nicht möglich, mal selbst in Ruhe zu beobachten oder eine Sehenswürdigkeit in Ruhe anzuschauen. Als Ausländer sind wir einfach zu spannend und immer umzingelt. Und dann noch mit Fahrrädern aus Deutschland…

Die Menschen in Indien sind hilfsbereit zueinander. Wo viele Menschen sind, gibt es auch viele Menschen mit viel Zeit. Das jemand etwas alleine machen muss, kommt kaum vor. In der Regel sind die Inder sehr gesellig und haben überhaupt keine Scheu voreinander, aber auch keine Privatsphäre. Ist im Bus kein Platz mehr frei, setzt man sich halt auf den Schoß des Ticketverkäufers. Außer in sehr abgelegenen Gebieten hatten wir nie Angst um unser Hab und Gut. Kriminalität ist nicht spürbar.

Trotz des starken Gemeinschaftsgefühl gibt es aber offensichtlich wenig Sinn für gemeinsame Ressourcen. Die Flüsse in den Städten sind grausam verschmutzt. So viele Menschen müssen ohne gutes Trinkwasser leben. Das macht krank. Reine Luft und reines Wasser – in Indien spüren wir oft, wie es sich anfühlt, wenn es beides nicht gibt.

Sarees, Hindi-Filme, Hindi-Musik – es ist großartig. Zwar werden wir uns nicht so richtig an die hochgetunten Frauenstimmen und die von schrägen Tanzszenen unterbrochenen Masala-Filme begeistern können. Aber wenn sich schon das Fernsehen weltweit verbreitet, dann muss es nicht überall Hollywood sein. Nein, es gibt auch Bollywood. Mit sensationellem Erfolg bei einer Billionen Zuschauern. Indien ist traditionsbewusst und erhält sich die Tradition auch in modernen Medien. In ganz Indien kleiden sich Frauen in bunte und äußerst schicke Sarees. Auch das ist gelebte Tradition.

Uns gefällt die Gemeinschaft der Frauen, die schwätzend immer in Gruppen unterwegs sind, um Wasser oder Holz zu holen oder um Wäsche im Fluss zu waschen. Sie klettern auf die Bäume und hacken die Aeste und laufen steilste Hänge auf und ab, mit unglaublicher Menge an Ladung auf Kopf oder Rücken. Sie arbeiten so schwer und sind dabei so gut gelaunt. Aber in der indischen Gesellschaft haben Frauen immer noch einen schweren Stand, werden nicht gleichberechtigt anerkannt. Schlimm ist auch, dass viele Kinder ohne Kindheit aufwachsen, schon früh arbeiten müssen Es gibt viel Armut und viele Menschen sind unsäglich dünn.

Was uns immer wieder umhaut, ist das offenherzige Lachen, dass uns entgegenstrahlt, eine Lebensfreude trotz schweren Alltags. Es ist so oft so, dass wir fast ein schlechtes Gewissen haben, leisten uns den Luxus einer solchen Reise, während die Frauen am Straßenrand Steine klein klopfen müssen. Aber die Frauen strahlen uns an, ohne Argwohn oder Neid. Kein unangenehmes Gefühl kann sich breit machen.

Indien steht für Spiritualität. An der Oberfläche ist sie im Schmutz und Lärm kaum zu entdecken. Und dennoch prägt die Religon – egal welche – den Alltag. So schneiden sich die Sikh die Haare nicht und tragen sie unter großen Turbanen, die jungen Sikh unter einem Kopftuch mit Haarbobbel. Die Hindus haben oft Tikhas auf der Stirn. Die Zeichen tragen sie mit Pigmentpulver entweder selbst auf, oder ein Priester oder Sadhu macht dies beim Gebet. Ueberall gibt es Tempel und kleine Altare. Viele Menschen stehen um vier Uhr morgens auf, um zu meditieren. Viele denken über den Sinn des Lebens und die Entstehung der Welt nach und versuchen, sich selbst spirituell weiter zu entwickeln. Immer wieder werden wir in philosophische Gespräche verwickelt.

Es ist schwierig, Indien in ein paar Worte zu fassen. Indien ist nicht leicht zu begreifen, ein Wechselbad der Gefühle. Indien regt zum Denken an. Indien fasziniert.

In einem Reiseführer haben wir eine Formulierung gefunden, die auch unsere Gemütsverfassung gut beschreibt: Wenn man etwas länger in Inden ist, bekommt man irgendwann das Gefühl, es hier nicht mehr auszuhalten. Aber sobald man das Land verlassen hat, denkt man darüber nach, wiederzukehren. Besonders deutlich wurde das für uns, als wir in Bangkok landeten.