Indien: Uttar Pradesh

Wir verlassen Rajasthan und kommen nach Uttar Pradesh, dem Staat, in dem das Taj Mahal steht. Das Taj Mahal ist das Monument der Liebe, auf das ganz Indien stolz ist. “Wer das Taj Mahal nicht gesehen hat, hat Indien nicht gesehen.” haben wir schon öfter gehört.

Fatehpur Sikri, die verlassene Stadt
Claudia: Donnerstag, 14. Novermber 2002. Doch zunächst gehts nach Fatehpur Sikri, zur verlassenen Stadt. Noch am Abend bestaunen wir das riesige Tor Buland Darwaza.

Das Burland Darwaza ist 54 Meter hoch. Steile Treppen führen hinauf. Vor allem von unten ist es mächtig beeindruckend. Hat man die steilen Stufen geschafft, blickt man zurück auf eine weite Ebene. Hinter dem mächtigen Tor verbirgt sich ein großer Platz umsäumt von Arkaden. Auf dem Platz befindet sich eine Moschee mit dem Grab von Salim Chishti. Auch heute noch pilgern kinderlose Frauen hierher. Denn das ist die Geschichte:

Trotz seiner 5000 Frauen hatte der Mogulherrscher Akbar keinen einzigen Sohn. Ja und da eine Mogulin als Stammhalterin zur damaligen Zeit wohl noch nicht denkbar war, machte er sich auf zum heiligen Scheich Salim Chishti. Der prophezeite ihm gleich drei Söhne, die er denn auch bekam. Vor lauter Glück und Dankbarkeit baute er in Sikri gleich eine ganze Stadt und ließ sich dort mitsamt Harem nieder.

Aus rotem Sandstein, gut erhalten und fein restauriert sind heute die damaligen Paläste zu bestaunen. Da Akbar sehr weise, tolerant gegenüber und interessiert an allen Religionsrichtungen war, sind in der Architektur islamische, hinduistische und jainistische Elemente verschmolzen. Auffällig ist das Haus der Hofdamen. Mit seinen vielen Säulen und versetzt aufeinander gebauten Stockwerken, die immer kleiner werden, sieht es aus wie ein Kartenhaus. Nur 14 Jahre lang haben hier Menschen gelebt. Was für ein Aufwand für eine so kurze Zeit! Vermutlich aus Wassermangel sind alle wieder fortgezogen.

Am Fuße der verlassenen Stadt liegt der heutige kleine Ort Fatehpur Sikri. Immerhin 40.000 Menschen leben hier, aber das ist für Indien eher wenig. Die Besichtigungen solcher geschichtsträchtigen Sehenswürdigkeiten muten in Indien ganz komisch an. Da besuchen wir mittelalterliche Prachtbauten und stellen uns vor, in welchem Reichtum und mit welcher Dekadenz die Menschen hier lebten. Doch “draussen” in der Realität zurück erscheint das echte Mittelalter lebendig: Schweine grunzen durch die Straßen, überall Abwasser und Müll und Menschengewirr.

Auch Heilige sind Menschen
Uwe: Nach der Besichtigung gönnen wir uns noch was Kühles zum Trinken und mümmeln ein paar Kekse. Da setzt sich plötzlich ein merkwürdiger Kauz zu uns und fängt sofort an, eindringlich und mit ernster Miene auf uns einzureden. Er ist sehr dick in Tücher und Lumpen eingehüllt, hat auch viel Gedöns auf dem Kopf, einen großen Bart und ein grellgrünes Plastikeimerchen in der Hand. Irgendwie wirkt er nicht unsympathisch. Wir verstehen zwar kein Wort und ich rede auf Deutsch ein bisschen zurück, aber er lässt sich nicht beirren. Die Kekse, die ich ihm hinhalte, nimmt er kommentarlos entgegen. Ein weiterer Inder setzt sich dazu und sagt, das wäre ein “Holy Man” und er wäre harmlos, wir sollten einfach nur zuhören. Er weist auf ein Fahrrad auf der anderen Straßenseite, mit dem der Holy Man unterwegs ist, ein verwegenes Gefährt, das mit ebensoviel Gedöns beladen ist, wie der Mann selbst. Nach ein paar Minuten ist die “persönliche Ansprache” vorbei und der Heilige zieht weiter. Wir beschließen, ihm noch weitere Kekse zu spenden und kaufen noch eine Packung für ihn. Inzwischen sitzt er ein paar Meter weiter mit anderen Leuten zusammen und redet weiterhin laut, ernst und mit großem Nachdruck. Als Claudia ihm die Keksrolle gibt, nimmt er sie beiläufig entgegen, baut sie unmittelbar in seinen Redeschwall ein und knallt sie seinem Gegenüber mit großem Tamtam auf die Bank. Doch kurz kommt seine Show aus dem Tritt, sein ernstes Gesicht verwandelt sich und ein breites Grinsen erscheint.

Mäuse und Medikamente
Claudia: Quälen wir uns weiter nach Agra oder kurieren wir uns mal so richtig aus? Immer noch etwas magen-darmleidend kränkeln wir so vor uns hin. Uwe kommen die Banana-Lassi (Lassi: irgendwas zwischen Dickmilch und Joghurt) bald schon aus den Ohren raus. Er kommt in zwei Tagen auf 10 Stüueck. Und Fatehpur Sikri eignet sich sicher besser zum Ausruhen als das luftverschmutzte Agra. Aber wo sind Hendrik und Simone? Vor 10 Tagen haben wir per E-Mail vage Agra als möglichen Treffpunkt anvisiert, seither aber nichts mehr von den beiden gehört.
In Fatehpur Sikri weist ein E-Mail-Schild auf eine Medikamentenbude. Im hinteren Teil wird kräftig gesägt und geschraubt. In Kürze wird hier ein Internet-Cafe mit zwei Computern entstehen. Für die Übergangszeit geht`s ins Medikamentenlager. Immerhin klappt die Verbindung. Rechts und links auf dem Boden raschelts und klapperts. Die Computermaus ist nicht die einzige Maus hier. Ein paar echte Mäuse vollbringen akrobatische Höchstleistungen zwischen den zahlreichen Medikamentenschachteln. Vermutlich stehen sie total unter Drogen. Von Hendrik und Simone gibts leider keine Nachricht. Dann sind sie wohl noch nicht in Agra und wir bleiben hier, bei weiteren leckeren Banana-Lassi und fahren übermorgen nach Agra.

Hochzeit mit mobiler Disco
Ein Generator lärmt am Abend. Er steht auf so einem typisch indischen Handwagen, eine rechteckige Ladefläche mit 4 Rädern ohne Lenkung. Von dem Generator geht eine Verkabelung zu einer Art Lichtorgel, die auch auf so einem Wagen gezogen wird, weitere Kabel gehen zu jeweils vier bis fünf Männern rechts und links am Straßenrand mit zusammengebastelten Lampen aus Leuchtstoffröhren auf den Köpfen.

Dazwischen wird mit Pauken und Trompeten Musik gemacht und getanzt. Ein Mann sitzt mit einem kleinen Jungen ganz ernst auf einem geschmückten Pferd und hat jede Menge Geldscheine umgehängt. Langsam zieht die “mobile Disco” durch die Straßen. Es ist eine indische Hochzeit.

PowerBar und Stativ müssen draussen bleiben
Endlich in Agra. Es ist kurz vor 6 Uhr morgens. Wir klettern über den Zaun. Das Gelünde unserer Lodge ist noch verriegelt. Wir wollen zum Taj Mahal, es zum Sonnenaufgang geniessen. Am Eingang sind wir die ersten zahlenden Gäste. Wir passieren die erste Sicherheitskontrolle. Ganz genau wird alles untersucht, was im Rucksack steckt. “Ist das Essbar” fragt der Kontrolleur mit kritischem Blick auf unseren Energieriegel, den wir ganz flach und klein im Reissverschlussfach versteckt haben. Irgendwie müssen wir doch ohne Frühstück und nach den ganzen Banana-Lassi-Tagen über die Runden oder besser: durch das Monument kommen! Keine Gnade. Der PowerBar und auch unser Mini-Stativ müssen in den Cloak-Room. Dürfen nicht mit rein. Da es üblich ist, in Indien jeden Müll einfach fallen zu lassen, darf keine einzige Kekspackung und nichts Essbares mitgenommen werden, damit es am Taj sauber bleibt. Kurz vor einem großen Tor folgt eine zweite Kontrolle: Body Check, es könnte ja noch irgendwo ein Keks versteckt sein.

Kaum gehen wir durch das Tor durch, sehen wir es auch schon. Das Taj Mahal. Wie ein Märchen aus 1000 und einer Nacht. Komplett aus Marmor gebaut bildet es den Abschluss einer großen Gartenanlage. Dahinter ist nur noch der himmelblau und rosa schimmernde Himmel der Morgendämmerung zu sehen. Denn das Taj Mahal steht hoch über dem Fluss in Agra. Wir geniessen den Anblick eine ganze Weile aus der Ferne. Ganz still. Die Symmetrie des Gebäudes und der Anlage beeindrucken am meisten aus der Ferne. Es kommen immer mehr Besucher durch das Tor und geniessen still, fast andächtig, den Sonnenaufgang.

Auf unserer Reise haben wir schon öfter Geschichten zum Taj gehört. In Bhusawal hat sie gelebt und aus Makrana kommt der Marmor für das beeindruckendste Gebäude Indien, das ihr zu Ehren gebaut wurde: Mumtaz Mahal. Sie war die zweite Frau von Shah Jahan und starb kurz nach der Geburt des 14. Kindes. Ihr zu Gedenken ließ Shah Jahan das Taj Mahal von 1631 bis 1653 bauen.

Wir nähern uns dem großen Gebäude. Es ist überall geschmückt mit Blumenmotiven, entweder als filigrane Einlegearbeiten mit bunten Edelsteinen oder aber als Reliefs in den Marmor gearbeitet. Trotz der vielen Verzierungen im Detail wirkt es als Ganzes sehr schlicht und dadurch besonders schön. Wir legen uns direkt am Taj auf den Marmor und machen ein kleines Nickerchen.

Im Innern: Die marmornen Grabstätten von Mumtaz Mahal und Shah Jahan sind im Taj zu bewundern. Sie sind über und über mit Marmoreinlegearbeiten verziert. Darüber erhebt sich die große Kuppel.

Schlechtes Timing
World Heritage Week, 19. – 26.11.2002. Blaue Fahnen hängen vor dem Taj Mahal. Es ist UNESCO Woche des Weltkulturerbes. Alle Monumente in Agra sind deshalb am 19.11. frei zu besichtigen. Schade nur, dass wir gestern schon drin waren und 1500 Rupien bezahlt haben. Das Taj Mahal ist sicher das teuerste Monument Indiens! Was solls, dafür ist es heute brechend voll. Schlangen bilden sich vor völlig übermuedeten Sicherheits-Leuten.

Wir besichtigen das Agra Fort. Auch in dieser Anlage haben sich die Moguln Akbar und Shah Jahan architektonisch ausgelassen. Fünf Paläste stehen in der Festungsanlage. Auch hier gibt es zahlreiche feinste Einlegearbeiten in Marmor zu bestaunen, jede Menge Säulengänge, viele Zwiebeltürmchen, eine kleine Moschee ganz aus Marmor, vieles aus rotem Sandstein. Etliche Brunnen und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem haben damals für Frische in den Palästen gesorgt.

Am Nachmittag gehen wir erneut zum Taj Mahal. Da sich je nach Sonnenstand der Eindruck des marmornen Gebäudes verändert, wollen wir nun den Sonnenuntergang genießen. Zudem ist Vollmond. Heute brauchen wir nicht zu versuchen, Eßbares für die nötige Kalorienzufuhr zu schmuggeln. Wir können ganz entspannt hinein und hinaus gehen, der UNESCO sei Dank.

Und noch ein schlechtes Timing. Am Abend erhalten wir endlich eine E-Mail von Simone und Hendrik. Sie waren tatsächlich am 14. und 15.11. in Agra, haben unsere erste E-Mail nicht bekommen. Wir waren nur 24 km entfernt. So haben wir uns wirklich superknapp verpasst!!! Ist das schade. Jetzt driften die beiden unerschrockenen Sportler gen Osten und dann Richtung Nepal ab, während wir uns gen Norden eine Nacht im Zug gönnen. Damit überwinden wir die platte Ebene, zumal Industriegebiet und Großraum Delhi, ganz faul und rücken ein Stück näher an den indischen Himalaya. Es geht in die Berge von Uttaranchal. Und die sind hoch und steil!