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Brasilien: Pantanal / Bonito (Dez 2003)  -  Foz de Iguacu / Parana  -  Rio de Janeiro  -  Bahia
Brasilien, bunter Mix der Gene. Brasilien, bunter Mix der Gene. Brasilien, bunter Mix der Gene. Brasilien, bunter Mix der Gene.

Uwe: Brasilien ist so groß wie die USA ohne Alaska. Ein riesiges Land steht uns bevor. Wir starten an der Grenze zu Bolivien, in Corumbá, mitten im südamerikanischen Kontinent.

Tudo bom

Tudo bom. Alles klar.
"Tudo bom!" "Alles klar!", und der Daumen zeigt in die Höhe. Egal ob man den richtigen Weg zum Klo geht, als Gruß im Vorbeifahren oder sich jemand bedanken will. Diese positive Geste ist allgegenwärtig und passt eigentlich immer. Die Brasilianer sind offen, selbstbewusst und lebenslustig. Die Lebensfreude der Brasilianer springt uns ins Gesicht. Oder ins Ohr. Immer wieder singen Leute zur Musik im Radio oder im Supermarkt.

Aufdringliche Lautsprecherwerbung weckt uns am Morgen. In Corumba reiht sich ein Geschäft an das andere. Viele davon sind Modegeschäfte. In Brasilien steht schön sein hoch im Kurs. Frauen tragen ausnahmslos hautenge Tops mit tiefem Ausschnitt. Der BH ist darauf ausgelegt, das Maximum an Eindruck zu schinden und den Busen in die Höhe zu pushen.
Unterwäsche ist überhaupt sehr wichtig. In einer Unterhaltungsshow am Abend im Fernsehen wackeln eine Reihe von Models über die Bühne. Die Kamera zoomt heran was geht, so dass jedes kleinste Detail der Wäsche sichtbar wird. Und klein ist sie, die Wäsche. In einer Werbepause während einer Nachrichtensendung wird mal eben für Face-Lifting geworben.

Bunter Mix der Gene
Claudia: Kaum in Brasilien habe ich das Gefühl, hier wurde die Benetton-Werbung erfunden. United Colours. Menschen mit verschiedenen Haut-, Haar- und Augenfarben sitzen, arbeiten, quatschen zusammen. Und noch besser: Es gibt die tollsten Kombinationen wie zum Beispiel schwarze Menschen mit grünen Augen oder blonden Haaren. Und alle quatschen viel und gern. Das ist der Schock! Die portugiesischen Kolonialherren brachten ihre Sprache ins Land, die nun überall gesprochen wird. Beim Lesen könnte der Eindruck entstehen, sie sei dem Spanischen sehr ähnlich. Aber die Aussprache! Wir fühlen uns wie jemand der Deutsch gelernt hat und in der Schweiz landet. Mit unserem bisschen Spanisch werden wir zwar verstanden, können aber beim dadurch ausgelösten Redeschwall nur Augen, Ohren und Mund aufreissen und staunen. Es klingt witzig, aber wir verstehen nichts, gar nichts.

Land unter
Corumba liegt am Rand eines riesigen grünen "Meeres". Grün bis zum Horizont. Es ist das Pantanal, angeblich die grösste Überschwemmungsfläche der Welt. Aus den entfernt liegenden Bergen fließt jedes Jahr in Unmengen Wasser in die Ebene und überflutet fast alles. Schlecht zum siedeln, gut für die einzigartige Natur.

Nur wenige erhöhte Erdpisten führen durchs Pantanal. Die Landschaft ist von trägen Flüssen durchzogen und ein vorbeiziehendes Gewitter sorgt gerade für Nachschub. Wir poltern die holprige Straße runter und überqueren schon bald eine der unzähligen kleinen Holzbrücken. In einiger Entfernung sehen wir einen der grossen fürs Pantanal typischen Störche. Bald sehen wir die ersten Kaimane träge im Wasser liegen. Eher unspektakulär kommt uns eine Rinderherde entgegen.

Monster auf zwei Rädern
Uwe: Der anführende Gaucho deutet uns an, stehen zu bleiben. Wir kennen das Problem. Während Autos ganz ruhig durch die Tierherden durchruckeln können, nehmen die Rinder bei unserem Anblick panisch reissaus. Darauf haben die Gauchos aber keine Lust.

Die Rinderherde oder wir. Einer muss Platz machen.
Also verziehen wir uns so gut es geht ins Gebüsch am Wegrand und die drei Gauchos mit ihren schmucken Schafsfellen auf den Pferden und dem Mate (Tee) im Hornbecher, versuchen zunächst die Tiere so gut es geht zu beruhigen. Das dauert bestimmt eine halbe Stunde. Schliesslich reitet einer langsam voraus, einer hinterher
und der dritte verdeckt mit seinem Pferd so gut es geht den furchterregenden Blick auf uns. Eine gar nicht so ungefährliche Situation. Wenn eine Panik unter den Tieren ausbrechen würde, könnte leicht eines der Rinder zertrampelt werden. Zum Glück passiert nichts. Die Tiere quetschen sich am anderen Wegrand an uns vorbei und laufen an der “Gefahrstelle” ein bisschen schneller.


Porto do Manga, hier kann man sich zur Regenzeit nur noch per Boot bewegen.
Wir übernachten in dem Örtchen Porto da Manga. Hier geht das Fährfloß über den grossen Fluß. An einer kleinen Bar spicht uns ein Mann auf Spanisch an. Er erzählt, dass im Januar und Februar, wenn das Wasser am höchsten steht, der Ort völlig überflutet ist. Dann kann man sich nur noch per Boot von Stelzenhaus zu Stelzenhaus bewegen. Die Bar ist dann auch verschwunden.
Der Ort besteht zwar nur aus ein paar Hütten, aber es gibt sogar einen Kindergarten und eine Schule. Heute abend ist eine Gesangsaufführung im Garten des Hotels, das gleichzeitig auch die Schulräume beinhaltet. Auf Stühlen sitzen 10 bis 15 Zuhörer unten im Hof. Die “Künstler” stehen auf dem Dach und singen.

Schlammschlacht im Tierparadies
Die ganze Nacht regnet es. Wie werden morgen wohl die Strassen sein? Wir setzen mit der Fähre über den Fluss, fragen nach dem Weg und können nur staunen. Völlig gelassen erträgt der Mann die vielen Mücken auf seinem T-Shirt. Ich muss mich zurückhalten, dem Mann nicht auf den Rücken zu hauen. Die Piste ist vom Regen völlig matschig. Schon nach wenigen Kilometern sind die Räder total eingeschlammt.
Regenzeit im Pantanal. Die Alligatoren und Störche freuen sich, uns macht der Schlamm zu schaffen.
Bei Claudia geht plötzlich gar nichts mehr, das Hintterrad blockiert. Durch den tonnenschweren Schlamm hat sich die Schaltung in den Speichen verhakt. Es sieht aus, als hätte man dem Fahrrad ein Ärmchen ausgekugelt. Nachdem wir ungefähr zwei Tonnen Schlamm vom Fahrrad knibbeln, kann es zum Glück weitergehen. Jetzt sehen wir immer mehr Tiere. Der erste Storch, der erste Kaiman gestern waren noch aufregend.


Die typischen Pantanal- Störche.
Aber heute beeindruckt die Anzahl der rechts und links des Weges stehenden und liegenden Kaimane und Störche. Gefährliches Terrain für Frösche. Die beweisen übrigens jede Nacht, dass Lärm durchaus eine natürliche Sache ist.
Beim Anblick von Claudia verziehen sich die Kaimane lieber ins Wasser.

Das Pantanal ist ein Vogelparadies. Grosse Reiher und Störche und kleine Eisvögel und und und... Immer wieder besonders beeindruckend ist der Tucan. Warum nur hat dieser Vogel einen so grossen Schnabel? Er sieht schon schick aus, mit seinem schwarz-weissen Gefieder und dem grellbunten Schnabel. Die grossen, klobigen Wasserschweine sehen aus wie eine Mischung aus einer überdimensionalen Ratte, einem Meerschweinchen und einem gemeinen Hausschwein.

Wenn Ameisen umziehen
Am Abend quartieren wir uns in einem Busch-Camp ein. Plötzlich herrscht Unruhe in der Hängematten-Hütte. Hier gibt es eine Tiershow der besonderen Art. Millionen von Ameisen sind auf dem Boden unterwegs. Verschiedene Strassen durchziehen den Raum, trennen sich auf und fliessen wieder zusammen. Alle haben die gleiche Richtung. Offenbar zieht ein Ameisenvolk gerade um.

Tucane sind auch praktisch zum Telefonieren.
Nach ein paar Minuten ist der Spuk auch schon wieder vorbei. In der Ferne röhren furchterregend die Brüllaffen. Sind das die gleichen kleinen Affen, die hoch über uns in den Bäumen zu sehen sind?


Die Leute leben mit den Fluten.
Eine kleine Wanderung führt uns zu einer Lagune durch tollen Wald. Leider fühlen sich auch die Mücken hier wohl. Dicke dunkle Wolken umhüllen uns. Es heisst, zur Regenzeit im Januar und Februar atmet man hier die Tiere ein und Moskitonetze vor den Fenstern seien schwarz vor Mücken. Zum Sonnenuntergang ziehen wir uns auf eine grosse Brücke zurück und geniessen das warme Licht über dem breiten Fluss. Das ist das Schöne am Pantanal: viel grün, viel Wasser, viel Ruhe.

Als wir das Pantanal verlassen ist um uns herum noch mehr Wasser. Der Fluss hat sein Bett übertreten und fliesst unter schattigen Stelzenhäusern her. Claudia findet das toll. Aber ich frag mich, ob die Leute da nicht drunter leiden. Eine Frau deutet mit erhobenen Daumen an, dass sie es auch geniesst. Sie macht Schwimmbewegungen und lacht. Na also. Wo kommt nur dieses Wasser her, wo fliesst es hin? Ein grosser Wasserstrom verschwindet einfach so im Wald, wo nichts auf einen Fluss hinweist. Und immer wieder grosse geflutete Flächen.

Aras. Diese grossen bunten Papageien fliegen laut kreischend über die Strasse. Auf einer kleinen Palme sitzen gleichzeitig ungefähr acht der grossen Tiere, so dass sich die Palmenblätter unter der schweren Last biegen.
Grell und laut kreischend sausen uns die Aras um die Ohren.
Was für eine Farbenpracht. Am schönsten ist es, wenn sie im Landeanflug ihr ganzes Gefieder spreizen. Selbst nachdem wir eine halbe Stunde lang wild knipsend da stehen (hoffnungsloses Unterfangen ohne Teleobjektiv), fällt es uns schwer, weiter zu fahren. An Farbenpracht können es die Aras locker mit den Fischen in Hawaii aufnehmen.

Schnorcheln im Aquarium
Bonito heisst "schön", aber vom gleichnamigen Ort kann man das so nicht behaupten. Nein, es sind die Flüsse und die Landschaft der Umgebung, die diesen Namen rechtfertigen. Das Highlight ist die Tagestour zum Rio da Prata.

Fische im Rio do Prata.
Das Wasser dort ist tatsächlich kristallklar. Als würde man durch ein Aquarium schwimmen. Die Fische sind zum Greifen nah und scheinen sich an uns nicht zu stören. Na ja, wir bewegen uns ja auch kaum,
sondern lassen uns mit dem Flußstrom treiben. Sehr langsam. Der Bachlauf wirkt mit den vielen umgestürzten Baumstämmen sehr unberührt, ebenso der umgebende Wald. Tucane fliegen vorbei und Affen klettern über die Äste. Nach mehr als einer Stunde erreichen wir eine Quelle im Flußboden. Der Sand blubbert wild durch das in drei Metern Tiefe ausströmende Wasser.

Wir müssen draussen bleiben
Claudia: In der Grenzstadt Ponta Pora/Juan Pedro do Caballero (Brasilien/Paraguay) beschliessen wir, mit dem Nachtbus nach Foz do Iguaçu zu fahren, um Weihnachten an den grossen Wasserfällen zu feiern. Der Bus fährt durch Paraguay. Ein Problem? Der Reiseführer verspricht, dass man für den Transit durch Paraguay keine Ein- und Ausreisestempel braucht. Halbherzig versuchen wir uns zu erkundigen, aber in den Grenzstädten, die eigentlich eine grosse Stadt sind, lässt sich so schnell nicht die richtige Behörde finden. Es ist zudem Sonntagabend und wir haben Hunger. Also essen wir und steigen in den Bus.

Aber schon nach 20 Kilometern Fahrt hält der Bus an einer Strassenkontrolle. Unsere Pässe werden kontrolliert. Wir müssen raus. Transito! Transito! Wir beten immer wieder runter, dass wir doch nur von einer brasilianischen Stadt zur anderen möchten. Aber es hilft nichts. Während draussen der Bus mit laufendem Motor auf die Weiterfahrt wartet, droht uns der Beamte mit einer Strafe, zeigt eine sechstellige Zahl (allerdings Guarani, umgerechnet wären es ca. 25 Dollars). Wahrscheinlich möchte er geschmiert werden. Wir wollen nicht zahlen, steigen aus und schauen zu, wie der schöne Bus ohne uns weiterfährt.

Ausser dem Kontrollposten ist hier nicht viel. Was jetzt? Es ist stockfinster. Im Dunkeln nachts zurück radeln? Nee. Bald kommt die Lösung in Form eines kleinen LKWs. Der Fahrer nimmt uns ohne Zögern mit, obwohl wenig Platz ist neben den Hunderten von Tüten Mennoniten-Milch.

Auf der Ladefläche sitzen noch zwei Kerle auf den Milchbergen und lachen uns an. Sie versuchen, deutsch mit uns zu sprechen. Das haben sie von den Mennoniten gelernt. Aber, oje, mennonitisches Plattdeutsch mit paraguayanischem Akzent, da müssen wir passen. Mit drei bis vier Tüten Milch in den Händen läuft der Beifahrer auf die Beamten zu. Tja, so läufts wohl hier in Paraguay. "Warum habt ihr nicht was bezahlt?" fragt er uns denn auch. Bisher haben wir noch nie geschmiert und wollen es auch nicht. Für uns hätte es in diesem Fall einiges vereinfacht.

Die Grenze nach Paraguay.

Um nicht nochmal Ärger mit korrupten Polizisten zu bekommen, wollen wir im brasilianischen Teil der Grenzstadt übernachten. Wir landen im Hotel Internacional. Es wirkt gediegen und völlig altmodisch. Ein freundlicher Mann (aus Paraguay) mit weissem Hemd und schwarzer Hose zeigt mir ein Zimmer. Dann gehts weiter zu den Badezimmern. Einmal links, einmal rechts und wieder links durch den Flur. Alles wirkt sehr sauber. Doch dann macht er das Licht an und treibt damit eine große Ratte in die Flucht: einmal rechts, einmal links und wieder rechts. Wir gucken uns an. "Die Tür zum Zimmer steht noch offen", sagt er. Genau das habe ich auch gerade gedacht. Die Ratte ist geradezu zielstrebig in unser vermeintliches Zimmer gerannt. Wir schauen unter Schrank und Betten, aber die Ratte ist nicht mehr zu sehen. Wir entscheiden uns für ein anderes Zimmer.

Im Hotel grübeln wir wie es denn jetzt weitergehen soll. Wir wollen uns nicht so leicht abschütteln lassen. So kommen wir jetzt erst richtig auf Abwege: nach Paraguay!

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