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Indien: Kerala - Maharashtra - Rajasthan (Nov 2002) - Uttar Pradesh - Uttaranchal - Delhi

Rajasthan ist voll von Kamelen. Uwe: Mo, 28. Oktober 1001, Ajmer - Pushkar. Noch im Dunkeln stehen wir im Schlafwagen auf und holen uns an einem Bahnhof den ersten fuerchterlich suessen Tee. Es wird langsam hell, die Landschaft ist flach, mit einzelnen Huegeln, wie wir sie schon kennen. Sieht Rajasthan doch wie Maharashtra aus? Nein, die Vegetation ist viel trockener, steppenartig. Langsam erscheint am Horizont eine Bergkette. Um 8.30 Uhr steigen wir am Fuss der Berge aus.

Wir radeln ins Zentrum und befinden uns mittem im Gedraenge der engen Bazar-Gassen (Bild 150kB). So gleicht Ajmer bisherigen Staedten. Aber die Architektur ist anders. Viel orientalischer. Mit zwiebelfoermigen Boegen und zahlreichen Verzierungen. Wir fruehstuecken grosse Hefefladen waehrend mal wieder unsere Fahrraeder inspiziert werden. Ein kleines huebsches Maedchen lacht uns unentwegt an und macht unser Kauen nach. Claudia kauft ihm auch so einen Fladen. Maedchen in Ajmer.
(mehr, 130kB)

Wir fahren nach Pushkar. Die 14 Kilometer fuehren uber einen kleinen Gebirgspass, die Snake Mountains, und bieten uns einen ersten Ausblick ueber die Landschaft. Hier gibt es nur zwei Formen, entweder Ebene oder steile Berge. Die Berge sehen aus wie Dinosaurierruecken.

Pushkar ist viel kleiner als Ajmer und wirklich ein huebsches Oertchen. Ueberall stehen Palaeste und Tempel im orientalischen Stil. Im Zentrum liegt ein kleiner See, der von Ghats (weite Stufen bis zum Wasser) und Palaesten umsaeumt ist (Bild 125kB). Und man sieht sehr viele Touristen, auch indische. Denn Pushkar ist ein Pilgerziel. Fuer Hindus ist der See heilig und viele Inder baden darin oder waschen sich. Angeblich wurde auch die Asche von Mahatma Ghandi in diesen See gestreut.

Unser Unterkunft, das Lake View Hotel, liegt direkt am See und bietet wunderbare Ausblicke auch auf die Stadt und die bergige Umgebung (Bild 110kB).

Immer wieder rollt ein Donner durch die naheliegenden Huegel. Aber am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Des Raetsels Loesung: Diwali steht bevor, ein grosses Fest in ganz Indien, das unter anderem mit Boellern gefeiert wird. Offenbar koennen einige es nicht mehr abwarten und knallen schon jetzt. Die Heftigkeit der Explosionen ist enorm. Vielleicht sollten wir uns rechtzeitig in Sicherheit bringen?

Es ist in Pushkar so gemuetlich, dass wir ein bis zwei Tage bleiben wollen. Wir schlendern ein bisschen herum und machen kleine Ausfluege in die nahe Umgebung. Am Abend gehen wir zu dem Savitri-Tempel, der auf einem kleinen, aber steilen Huegel liegt. Von dort haben wir einen herrlichen Blick ueber Pushkar, einen weiten Blick ueber die Umgebung und koennen das Gelaende erkennen, wo alljaehrlich der groesste Kamelmarkt der Welt stattfindet. Leider ist der Markt erst in drei Wochen und passt deshalb nicht in unsere Reiseplanung. So begnuegen wir uns damit, am naechsten Tag ueber das Gelaende zu streunen. Dazu muessen wir kilometerlang ueber eine schlechte Strasse fahren, teils nur durch Sand. So viel feiner Sand, da glauben wir fast, bald an die Nordsee oder Atlantikkueste zu gelangen. Doch kein Meer ist in Sicht.

Wir erreichen die Zeltstadt, die extra fuer die Zeit des Marktes fuer wohlhabende Touristen aufgebaut wird. Hunderte von Zelten stehen in der Halbwueste, alle mit fliessend kaltem und heissem Wasser, Dusche und Sitzklo. Die Zelte kosten 5.000 Rupien pro Nacht. Zum Vergleich zahlen wir fuer unsere Unterkunft 150 Rupien. Wir werden von einem freundlichen Inder angesprochen. Uns wird ein Zelt fuer 2.000 bis 3.000 Rupien angeboten. Mal wieder ein Zeichen, dass in diesem Jahr die auslaendischen Touristen ausbleiben? Schon mehrmals haben Gastwirte darueber geklagt.

Uwes erster Malaria-Test.
Claudia: 31. Oktober 2002. Es ist sechs Uhr. Die Pilger laermen ordentlich am See. Heute wollen wir eigentlich weiter. Doch Uwe wacht mit Fieber auf. Bereits bei unserer Ankunft in Pushkar hat er sich nicht wohlgefuehlt. Fieber! Bei jedem Fieber muss binnen 24 Stunden zunaechst Malaria ausgeschlossen werden, warnen eindringlich unsere Gesundheitsblaetter vom Tropeninstitut. Also auf zum Government Hospital. Hier bloss nicht stationaer behandelt werden, ist der erste Eindruck. Ansonsten gleicht das Verfahren dem Kauf eines Zugtickets. Es werden Zettel ausgefuellt, wieder sind Name und Alter ganz wichtig, und wir werden weitergeschickt. Auch der Doktor ist aehnlich auskunftsfreudig wie eine Bahnbeamtin, schreibt "Blood Test MP" auf den Zettel und schickt uns weiter. Hinter uns winken bereits die naechsten Patienten mit ihren Zetteln. Fliessbandarbeit. Begeleitet von einem Mann gehen wir mit einer riesigen - aber immerhin steril verpackten - Spritze und einem milchigen Serum in ein weiteres Zimmer. "Wir machen doch hier nur einen Bluttest?" frage ich, aus Angst, dass Uwe gleich dieses Zeug reingejagt bekommt. "Jaja" sagt ein Mann, dem unheimlich viele Haare aus den Ohren wachsen. "Ich mache das hier schon seit 40 Jahren" erklaert er. Uwe koenne stehen bleiben. Hat der eine Ahnung, wie schnell es Uwe beim Anblick von Spritzen und Nadeln umhaut. Und die liegen reichlich im Raum verstreut. Eine "Entsorgungs-Kiste" auf dem Boden wird wohl nicht immer getroffen. Wir beharren darauf, dass Uwe sich zumindest setzen darf. Okay. Da kommt er mit einer winzigen Kanuele und piekst Uwe damit in den Finger. Dann wird ein bisschen Blut auf einen Glastraeger gedrueckt. Das wars. Die riesige Spritze ist wohl fuer den naechsten Patienten.

Zwei Stunden spaeter gehe ich wieder zum Krankenhaus, um die Diagnose zu erfragen. Der Mann mit den haarigen Ohren fuehrt mich zu einer Frau, die haufenweise Glastraeger sortiert. Ich warte eine Zeitlang. Dann kommt sie zu mir. Wieder wird Uwes Name und Alter aufgeschrieben. Dann das Ergebnis. Negativ. Puh! Ich bin erleichtert und gehe zum Hotel zurueck. Uwe fuehlt sich sehr schwach und liegt den ganzen Tag im Schlafsack eingemuemmelt im Bett. Am naechsten Morgen ist das Fieber bereits wieder gesunken. Trotzdem goennen wir uns noch einen Tag Erholung, bevor wir in die Halbwueste Shekhawati radeln. Die Behandlung im Government Hospital war kostenfrei und auch eine Spende konnte ich nicht loswerden.

Lecker Maden
Uwe: Samstag, 2. November 2002. Nach einem Erholungstag geht es weiter nach Parvatsar. Endlich eine kleine Strasse. Nur schade, dass es eine Holperpiste ist. So klein die Strasse ist, so klein sind die Doerfer, durch die wir kommen. Die alten Maenner tragen leuchtende Turbane und die Frauen sind genauso bunt gekleidet wie die touristenjagenden Kolleginnen in Puskar. Drei Frauen und ein paar Kinder bleiben stehen (Bild 135kB). Sie schenken uns zwei handvoll roter Beeren. Wir essen eine, um hoeflich zu bleiben, den Rest verpacken wir in eine Plastiktuete. Dabei fallen uns sich windende Maden auf. Lecker. Wir verschenken Chikki (lecker caramelisierte Erdnuesse aus Matheran), das eine Frau streng verteilt.

Dhal und Gobi
Claudia: Fernsehabend in Parvatsar. Wir zappen uns durch die Programme und gelangen zu einer Miss Teenie Wahl. Die indischen Maedchen bekommen Fragen gestellt. So wird ihnen z. B. ein Film gezeigt, in dem eine Mutter im indischen Saree mit ihrer Tochter im Fussballtrikot schimpft, sie solle nicht immer nur Fussball spielen, sondern lernen, wie man Dhal (Linsenbrei) und Gobi (Blumenkohl) kocht. Die Frage an die Maedchen lautet: Wie wichtig ist es, dass eine Frau Dhal und Gobi kochen kann?!!!
Und das waren einige Antworten: "Es ist sehr wichtig, dass eine Frau Dhal und Gobi kochen kann. Wir nehmen zwar gern westliche Kultur an, aber es ist auch wichtig, die indische Kultur zu erhalten." Oder "Wenn meine Mutter das von mir verlangt, tue ich es natuerlich. Ich tue schliesslich alles, damit es meiner Mutter gut geht." Und immerhin sagt eine: "Man soll machen, was man gut kann und wenn es Fussball spielen ist."

Marmor oder Tempel?
Sonntag, 3. November 2002 Parvatsar - Kuchaman, 52 km.
Wir stehen um 7 Uhr auf und radeln Richtung Kuchaman. Bis Makrana ist die Strecke ruhig. "Makrana heisst Marmor. Ein Haendler neben dem anderen. Ueberall Marmorplatten. Der Marmor aus Makrana ist sehr fein und weiss. Das liegt daran, dass er zu 95 Prozent aus Calciumcarbonat besteht und aus der Tiefe kommt. Aus dem Marmor aus Makrana ist das Taj Mahal gebaut und auch das Weisse Haus in Washington." klaert uns ein Mopedfahrer nebst Kumpel auf. Wir haben uns fuer eine Pause weit in ein Feld zurueckgezogen. Das ist schon das zweite Moped-Duo, das den Weg ins Feld nicht scheut, um ein paar Worte mit uns zu wechseln. Es sind zwei Leute von "out of India" da, hat sich in Parvatsar herumgesprochen.

Wir fahren mitten durch das Marmor-Abbaugebiet. Vor den Gruben stehen Steinhaeuser, in denen sich die Familien angesiedelt haben, die hier arbeiten. Ueberall sind altertuemlich anmutende Kraene zu sehen, die grosse Bloecke an die Oberflaeche ziehen. Sind die Bloecke mal oben, dann hocken zahlreiche Menschen drauf und hauen auf ihn ein. Wir gehen ein paar Schitte zu einer der vielen Gruben (Bild 150kB). Ganz schoen tief. Ein voellig zugestaubtes kleines Maedchen kommt uns entgegen, sieht nicht besonders gluecklich aus. Zwei haendchenhaltende junge Maenner (das ist sehr ueblich in Indien) unterbrechen ihre Arbeit und winken und lachen.
Auf einem kleinen Huegel zwischen den Gruben steht ein Tempel. Fast ein Wunder, dass er noch steht. Um ihn herum wird fleissig abgebaut. Das ist ein merkwuerdiges Bild.

Typisch indischer Bus.
Nachdem wir das Abbaugebiet durchquert haben, folgen wieder zahlreiche Haendler. Wir verlassen Makrana. Es wird wieder ruhiger. Die Strasse wechselt, ist superschlecht, frischgeteert oder zugesandet. Ab und an kommt ein Kamel oder ein Esel mit Karren vorbei. Jeeps befoerdern unglaubliche Mengen an Fahrgaesten und auch die Busse sind vor allem auf dem Dach mit Passagieren mehr als ausgelastet.

Hunger
Uwe: Wir schlendern in Kuchaman herum. Auch hier ist es nicht so leicht, was zu essen zu bekommen. Wir versuchen in unserem Hotel eine Auskunft zu bekommen, aber ohne Hindi-Kenntnisse klappt die Verstaendigung einfach nicht. Da stolpere ich ueber den Hindi-Satz: "Ich habe Hunger." Unser Gegenueber verfaellt in schallendes Gelaechter und gibt uns hoechst amuesiert zu verstehen, dass im gleichen Haus ein Restaurant ist. Das Essen ist ok und die Leute sehr freundlich. Wir sind zufrieden. Morgen ist Diwali. Kuchaman ist schon fleissig am Vorbereiten. Viele Haeuser haengen voll mit Lichterketten. Wie viele Kraftwerke da wohl zugeschaltet werden muessen?

Happy Diwali
Claudia: Diwali ist ein grosses Lichterfest in ganz Indien. Schon Tage vorher sehen wir die Vorbereitungen. Die Haeuser werden neu gekalkt und geputzt, ueberall gibt es Blumengirlanden- und Tonschaelchen-Verkaeufer (Bild 125kB). Die Haeuser werden mit Lichterketten umhaengt - fast wie Weihnachten im Ruhrgebiet. Ziemlich bunt. Und jede Menge Feuerwerk kracht und knallt. Und wozu das Ganze? Also das war wohl so: Rama, die 7. Reinkarnation von Vischnu (Gott der Hindus, insgesamt gibt es 10 Reinkarnationen, Rama ist die Heldenhafteste) wird von der dritten Frau seines Vaters in den Wald verbannt. Er nahm seine Frau Sita und seinen Bruder mit. Es gab einige Abenteuer zu bestehen mit Liebe und Entfuehrungen. Schliesslich sind alle drei wieder vereint und wollen heim. Sitas Treue wird angezweifelt. Da weist Sita Ramas Bruder an, ein Feuer zu entfachen, um ihre Treue zu beweisen. Mit Hilfe der Feuergoettin Agni geht sie durch das Feuer zum erleuchteten Rama. Da die Bewohner ihrer Heimatstadt alle kleine Lichter aufgestellt haben, finden sie sicher nach Hause. Ramas juengerer Bruder springt erleichtert vom Thron und Rama wird gekroent.

Ja und deshalb werden heute jaehlich an einem bestimmten Tag im hinduistischen Kalender (15. Kartika, in 2002: 4. November) ueberall Oellaempchen aufgestellt und sicherheitshalber noch Raketen entzuendet. Wo immer Rama und Sita sind, werden sie zurueck nach Indien finden. Zur Feier des Tages traegt man neue Klamotten und isst oder verschenkt unglaublich suesse Suessigkeiten.

Wir feiern Diwali mit der Polizei
Uwe: Jetzt sitzen wir in Sikar in unserer Lodge und kriegen immer mehr das Gefuehl, dass wir uns Diwali "da draussen" anschauen sollten. Die vielen Boeller laden dazu ein. Gegen 20 Uhr gehen wir auf die Strasse und schauen uns um. Alle Geschaefte haben geoeffnet und sind geschmueckt. Viele haben breite Baender aufgehaengt und ohne Ende Lichterketten und Oellichter in kleinen Tonschaelchen. Es sind viele Menschen unterwegs und bald gehen die ersten Jungs hinter uns her. Einer faehrt uns mit seinem Moped fast ueber die Fuesse. Ploetzlich ist die Strasse fuer Motorfahrzeuge gesperrt. Wir freuen uns. Endlich koennen wir gehen, ohne permanent auf den Verkehr zu achten. Uns schliessen sich immer mehr Jungs an. Wir wollen irgendwo rein, finden aber nichts, nur Haushaltswarengeschaefte, kein Restaurant. Vor einem Radiogeschaeft stehen auch einige Leute und schauen fern. Wir bleiben stehen, in der Hoffnung, dass es der Meute langweilig wird. Da entsteht ein komisches Bild. Vor uns stehen zahlreiche junge Leute, die eine Haelfte mit dem Ruecken zu uns, schaut fern, die andere Haelfte gafft uns an. Uns wird die Situation zunehmend unangenehm und wir gehen weiter. Inzwischen folgen uns schaetzungsweise 200 Jungs. Sie werden immer aufdringlicher, schupsen und rempeln sich gegenseitig und uns an. Wir werden immer nervoeser.

Da taucht eine Polizeistreife auf und vertreibt die Jungs ein bisschen. Danke. Wir haben genug und wollen nur noch in unser Hotel zurueck. Kaum dass wir ein paar Schritte gegangen sind, ist die Meute wieder da. So kommen wir unmoeglich weiter. Wir drehen um, gehen zurueck zur Polizei. Die versteht sofort, macht die Tuer auf, laesst uns einsteigen und faehrt sofort los. Die Polizisten setzen uns vor dem Hotel ab und geben uns zu verstehen, dass wir dort bleiben sollen. Im Hotel werden wir mit den Worten "Hier seid ihr sicher" empfangen. Auf der leeren Dachterasse wird improvisiert. Ein Lueftungsschacht wird zum Tisch. Wir bekommen suessen Reis und Dhal. Was fuer ein Fest. Jedenfalls koennen wir hier oben in Ruhe sitzen und ein bisschen Feuerwerk beobachten. Wie steht es im Reisefuehrer: "Meiden Sie Menschenansammlungen." Und wie vermeidet man die Entstehung?

Claudia: Unser Hotel sieht aus wie ein ehemaliges Gefaegnis. Viele Zimmer sind ohne Fenster nach aussen, nur Richtung Flur, zwischen den Etagen sind keine Boeden sondern Gitter, so dass man von oben bis unten herunter- bzw. heraufschauen kann. Schon angemessen, von der Polizei hier abgesetzt zu werden.

Shekawati: Halbwueste und bemalte Villen
Dienstag, 5. November 2002. Wir verlassen das Kakerlaken-Gefaegnis - gemeinerweise hatte sich eine in der Klopapierrolle versteckt, und ich greife hinein, igitt - und fahren nach Nawalgarh. Die 30 Kilometer sind schnell abgeradelt, zumal wir Rueckenwind haben. Nawalgarh liegt mitten in der Halbwueste Shekawati. Durch dieses Gebiet fuehrte frueher eine wichtige Handelsroute von der Kueste Goas nach China. Die reichen Haendler haben sich hier niedergelassen und einige schicke Villen (Havelis) gebaut. Schoen ist die Architektur mit vielen kleinen Boegen und Innenhoefen. Zudem sind die Haeuser von oben bis unten und ueberall in unterschiedlichen Qualitaeten bemalt. Offenbar hatten die Hausbewohner viel Zeit und haben Volkshochschulkurse "Wie bemale ich mein Haus" belegt. Einige Malereien wirken etwas naiv. Zu sehen sind auch neue Erfindungen der damaligen Zeit, wie Zuege, Fahrraeder, Telefone. Die meisten Havelis sind recht verfallen. Zum Teil sind die Zeichnungen einfach ueberpinselt, z. B. um ein Geschaeft zu markieren.

Unsere Lodge (Ramesh Jangid Tourist Pension) ist wunderbar. Wir fuehlen uns gleich wohl. Sie gehoert einer Brahmanen-Familie. Im Hof sitzt die Grossmutter an der Naehmaschine und naeht fuer die Enkelkinder, die drumherum mit den Stoffresten spielen. Alles wirkt sehr familiaer. Fast wie ein britisches Bed & Breakfast. Vor den Zimmern gibt es einen grossen Raum mit Sitzgelegenheiten und Zeitschriften. Wir lesen "Pros und Cons of a Working Mother-in-Law". Emanzipation in Indien? Immerhin wird schon mal drueber diskutiert. ==Am Abend essen wir unser erstes Oeko-Essen in Indien, denn der Familie gehoert auch eine Oeko-Farm. So gibt es leckeres Gemuese aus dem eigenen Garten und auch sonst nur beste Zutaten.

Uwe: Nawalgarh, 6. November 2002. Wir machen einen Tagesausflug zum 20 km entfernten Parasrampura. Die Strecke fuehrt durch duennenartige, huegelige Halbwuestenlandschaft auf kleinen, angenehmen Strassen. Kurz vor Parasrampura wirkt es richtig wuest. Trotzdem sind auch hier Menschen unterwegs. Wir wollen Bilder von unseren Fahrraedern in der Wueste machen und schwupps, da ist auch schon wieder ein Junge und stellt sich kerzengerade ins Bild (Bild 80kB).

In Parasrampura fuehrt uns ein alter Mann zum Gopinath-Tempel. Die Tempelanlage ist klein und wird offenbar hauptsaechlich von Pfauen genutzt. Wir steigen durch einen kleinen Zaun. Nur ein paar Schritte, da steht er auch schon, eine kleine runde Flaeche von 5 bis 6 Metern Durchmesser, erhoeht, so dass man ueber ein paar Stufen hochsteigen muss. Diese Flaeche wird von einer Kuppel ueberspannt, die auf duennen Saeulen ruht.
Und die Innenseite ist das Beeindruckende an dem Tempel. Sie ist voll mit Malereien aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und zeigt Geschichten ueber Goetter und die damaligen Herrscher. Der alte Mann zeigt mit einem pfauenfederbestueckten Stock auf die verschiedenen Szenen und erklaert dazu etwas, was wir aber kaum verstehen. Trotzdem hat sich der Weg dorthin gelohnt. Teil einer Deckenmalerei.
(Vergroessern, 190kB)

Zurueck in unserer Lodge sind inzwischen weitere Gaeste eingetroffen. Ein schweizer Paar, das 5 Monate in einem Projekt zur Eingliederung von Tibet-Fluechtlingen gearbeitet hat. 5 Monate gab es immer das gleiche Essen: Dhal und Gemuese und das Gemuese waren meistens Kartoffeln. Es ist nett, sich einfach mal wieder in der Muttersprache zu unterhalten.

Am naechsten Tag erreichen wir am Nachmittag Shapura und finden dort auch eine Unterkunft. Es ist ein Government Guest House und kostet gerade mal 60 Rupien pro Nacht. Dafur ist es aber auch aeusserst einfach und der Strom funktioniert erst, nachdem allerlei hilfbereite Menschen zusammengekommen sind, lange gruebeln und diskutieren. Wir werden derweil auf Plastikstuehle gesetzt und mit Peanuts versorgt. Die Leute sind sehr nett und unser anfaenglich ungutes Gefuehl verfliegt schnell. Zwei Arbeiter schlafen nebenan auf dem Tisch und ein Vorarbeiter (oder sowas) einen Raum weiter. Wir sind also nicht allein.

Kaputte Kameras
Uwe: Mit unseren Kameras haben wir bisher wirklich Pech. Die kleine Minox ist mit Claudia im Monsum abgesoffen und seither nur noch als Wasserwaage zu gebrauchen. Von der neuen Digitalcamera funktioniert das Uebertragungskabel nur in absoluten Ausnahmefaellen. Ein nerviger Wackelkontakt laesst uns verzweifeln. Und jetzt zeigt auch noch der Belichtungsmesser unserer Spiegelreflex selbst im dunkelsten Zimmer an, es sei zu hell, um ein Foto zu machen. Jaipur soll die Einkaufsstadt in Rajasthan sein. Hier muss eine Loesung gefunden werden. Denn Indien bietet so schoene Motive, da ist es ein Jammer, ohne funktionsfaehige Kamera unterwegs zu sein.

Shapura liegt nur 60 km von Jaipur entfernt. Wir fahren mit dem Bus in die Stadt. Man weist uns Plaetze direkt neben dem Fahrer zu. Claudia sitzt direkt hinter der Windschutzscheibe. Da bekommt sie hautnah mit, was uns der Busfahrer so zumutet. Statt hupen scheint er Extrem-Auffahren zu bevorzugen. Zwischen den Trucks und Bussen ist beim Ueberholen nur eine Handbreit Platz, Moped- und Fahrradfahrer fliehen zur Seite. Die Strasse fuehrt durch Berge, die kurz vor Jaipur regelrecht mit Festungen und Mauern uebersaet sind. In einer Senke ist ein See mit Palaesten drin und drumherum. Aber je naeher wir dem Ort kommen, desto mehr verfliegt der Eindruck orientalischer Sehenswuerdigkeiten. Wir passieren Slums, voellig verdreckte Wohngebiete am Rand eines Steinbruchs und Menschen, die offenbar mit der ganzen Familie am Strassenrand hausen.

Jaipur ist bekannt als "pink city", viele Haeuser sind rosarot gestrichen. Zwischen den grossen Bazaar-Strassen gibt es zahlreiche Gassen. Dort finden wir ein bisschen Ruhe, aber auch Schmutz und Gestank. Zwischen den Gebaeuden befinden sich haeufig enge Zwischenraeume, die offenbar als Muelldeponie genutzt werden. Mit der Zeit diffundiert der Muell und vor allem das Abwasser Richtung Strasse und landet dort in einem uebelst riechenden Abflusskanaelchen. An einem kleinen Platz mit einem grossen Baum koennen wir in Ruhe einen Kaffee trinken.

Bald stehen wir vor dem beruehmten Palast der Winde, dem Hawa Mahal. So direkt an der Hauptstrasse und mit staendig einem Haendler im Ohr mag er uns nicht so recht beeindrucken. Zumal es sich ohnehin nur um eine schmucke Fassade handelt, die jedoch huebsche kleine Kaemmerchen beherbergt, aus denen die Frauen aus dem naheliegenden Palast ungestoert und ungesehen Prozessionen betrachten konnten.

Wir stolpern ueber ein Schild "Camera-Repair". In einem Hinterhof fuehrt eine steile Treppe zu einem ca. 2 qm grossem Zimmerchen. Regale sind voll mit Kameras, ein Mann sitzt hinter einem Schreibtisch (Bild 130kB) und ein paar Hocker fuer Kundschaft sind auch noch da. Wir vertrauen ihm unsere Kamera an. Am Abend hoeren wir, dass die Reparatur umfangreicher sei. Er braucht bis morgen. Na prima, dann muessen wir am naechsten Tag nochmals nach Jaipur. Immerhin erhalten wir in einem Computer-Shop ein Lesegeraet fuer unsere Digitalcamera. Genau das, was wir brauchen. Wir koennen es kaum glauben.

Claudia: Alle Imbiss- und Kaffeebuedchen in Jaipur scheinen keine Toilette zu haben. Selbst das Indian Coffee House hat nur ein Urinal zu bieten. Was machen denn Frauen in so einem Ding? Wir sehen ein McDonalds. Das ist tatsaechlich das erste McDonalds in Indien, das wir sehen. Und auch wenn McDonalds nicht fuer hochwertiges Essen und gesunde Kueche steht, so doch fuer gute Toiletten. Ein Tuersteher-Wachmann begruesst uns und halet die Tuer auf. Drinnen ist es klimatisiert und sieht aus - wer haette es anders erwartet - wie in einem McDonaldsRestaurant. Nur dass die Menschen indisch gekleidet sind und offensichtlich zu den besser verdienenden Indern gehoeren. Wir lassen uns zu einem Mineralwasser, einem Milchshake und einer Pommes hinreissen und zahlen so viel wie fuer ein vollwertiges indisches Abendessen fuer zwei! Hier ist Fast Food offensichtlich ein Stueck westlicher Luxus oder auch nur westliches Gefuehl. Merkwuerdig.

Am Abend fragen wir nach dem Bus nach Shapurah. Da lacht uns ein froehlicher Schnauzbart an. Oh nein! Es ist der Busfahrer vom Mogen. Da fahren mehr als 50 Busse am Tag bis Delhi und wir erwischen den gleichen Mann fuer die Hin- und Rueckfahrt. Er freut sich, will, dass wir wieder vorne sitzen. Wir winken ab. Nur das nicht.

Die Aufgabe der Mutter
"Bist du zufrieden mit dem Ehemann, den deine Mutter fuer dich ausgesucht hat?" fragt ein ca. 17jaehriger Junge, sienen vielleicht 10 Jahre alten Bruder an der Hand haltend und strahlt uns an. Die beiden sind total suess, aber uns ist irgendwie gar nicht nach Konversation. Wir haben die ganze Nacht fleissig rueckwaerts gegessen, mal im Wechsel, mal im Duett. Na prima. Jetzt haben wir uns vor das Government Guest House gesetzt, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Und Zack ist wieder Unterhaltung angesagt. "In Deutschland suchen sich die Partner selbst aus" versuchen wir zu erklaeren. "Aha." Das scheint nicht so als grosser Vorteil gesehen zu werden. "In den naechsten vier Jahren werde ich heiraten, es ist die Aufgabe meiner Mutter" haben wir schon mal von einem jungen Mann im Zug gehoert. Es ist fuer uns schon eine merkwuerdige Vorstellung, das die Eltern die Partner fuer ihre Kinder aussuchen. Aber vielleicht verbringt die Mutter ja auch mehr Zeit mit ihrer kuenftigen Schwiegertochter als ihr Sohn? Warum soll da nicht sie bestimmen. Das wuerde auch erklaeren, dass selbst Frauen nicht erpicht darauf sind, Toechter zu haben. Toechter geben sie in andere Familien ab und muessen auch noch teuer Mitgift zahlen. Beim Sohn bleiben sie und koennen sich dazu noch eine Schwiegertochter zum Herumkommandieren aussuchen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen boese, aber es ist doch oft augenfaellig, dass die Frauen mehr arbeiten, oft zurueckgezogener leben, aber weniger Anerkennung ernten als die Maenner. In einer Zeitung lesen wir von Babies, die im Krankenhaus zurueck geblieben sind. Es war eine aufregende Nacht fuer das Krankenhaus. Eine Frau, die schon zwei Toechter hat, erwartet Drillinge. Alle drei Babies sind Maedchen. Da ist die Frau geflohen. Ihre Eltern haben sich wohl kaum fuer die richtige Familie fuer ihre Tochter entschieden.

Kamera-Glueck in Jaipur
Wir muessen nach Jaipur, um unsere Kamera abzuholen. Die ganze Nacht habe ich schon gegruebelt, wie wir wohl die Busfahrt ueberstehen. Ich kann mir nun wirklich nichts Unangenehmeres vorstellen, als mich im vollbesetzten Bus uebergeben zu muessen. Saemtliche Plastiktueten, die wir mit uns fuehren, haben aus unerfindlichen Gruenden Loecher. Aber wozu gibt es wasserdichte Packtaschen. Also nehme ich eine kleine LowRider-Tasche als "Kotztasche" mit. Schon wieder werden wir im Bus nach vorne gewiesen und da alle Plaetze besetzt sind, bleibt uns nichts anderes uebrig. Doch, oh Wunder. Dieser Busfahrer faehrt fantastisch. Er haelt Abstand, hupt ab und zu und laesst sogar kleinere Fahrzeuge ab und an mal vor! Unglaublich. Es sind eben doch nicht alle gleich... oder hat er geahnt, warum ich diese Packtasche festgekrallt halte? Zum Glueck haben wir sie nicht gebraucht. Und die erneute Fahrt nach Jaipur hat sich gelohnt. Unsere Kamera scheint wieder zu funktionieren.

Sonntag, 10 November 2002. Wir fuehlen uns dank Curd (Joghurt) mit Bananen und Vitamintabletten-Cocktail wieder fit und sind froh, weiterradeln zu koennen. Wir steuern den Seriska National Park an (Bild 140kB). Um ca. 14 Uhr sind wir dort, koennten noch eine Jeep-Tour machen. Mangels Monsun wirkt der Park recht trocken. Ueberzeugend sind Guides und Prospekte nicht. Wildschweine haben wir nun wirklich bereits genug gesehen. Wir entschliessen uns weiterzuradeln und steuern Siliserh an, 15 km vor Alwar. Nach 92 km landen wir an einem kleinen abgelegenen Hotel, ein ehemaliger Palast. Die Fahrt hierhin ist bestimmt die schoenste Tour bisher. Den ganzen Tag fahren wir durch nette Huegel- und Berglandschaft (Bild 80kB). Auf der Terasse mit Blick auf den See lassen wir den Abend ausklingen

Uwe: Am naechsten Abend erreichen nach gut 90 km den kleinen Ort Deeg zum Einbruch der Dunkelheit. Im Daemmerlicht koennen wir noch einen Blick auf den praechtigen Palast werfen (Bild 60kB). Mehrere praechtige Gebaeude stehen in einem kleinen Park. Am Rande des Hauptpalastes befindet sich ein kleiner kuenstlicher See mit Ghats. Die Daecher der Gebaeude sind wunderbar geschwungen. Das Beste ist, dass noch grosse Teile der Einrichtung des letzten Maharadjas zu sehen sind, der bis in die 50er Jahre des 20. Jhd. hier lebte. Alles ist gross, die Raeume, die Sofas, die Betten. Im Wohnzimmer haengen riesige Wedel, die ueber eine Seilkonstruktion von aussen betrieben werden. Wie man sich`s vorstellt.

Taegliche Fahrradrennen in Indien
Die letzten Kilometer vor Bharatpur lassen wir uns zu einem kleinen Rennen mit drei Indern hinreissen. Der Beginn ist wie fast immer, wenn wir ueberholen. Dann geben die indischen Radler Gas bis sie wieder an uns vorbeigezogen sind, werden dann aber sofort wieder langsamer. Wir muessen aufpassen, ihnen nicht ins Rad zu fahren. Zweimal schon haben wir die dreier Gruppe ueberholt und uns wieder ueberholen lassen. Beim dritten Mal ziehen wir das Tempo an. Unsere Verfolger koennen nicht mehr ueberholen, bleiben aber dran. Also gut, noch schneller. Jetzt feuern sie sich gegenseitig an, haben ihren Spass dabei. Wir auch, zumal wir so zuegig voran kommen. Nach ca. 5 Kilometern biegen sie ab und alle koennen sich erholen, uns eingeschlossen. Ploetzlich sind wir in Bharatpur und wieder mitten im Gewimmel einer indischen Stadt. Ab und zu fahren wir an praechtigen Gebaeuden und auch an einer Festung vorbei.

Vogelparadies ohne Voegel
Bharatpur ist beruehmt fuer den Keoladeo National Park. Eine halbe Millionen Zugvoegel treffen dort jaehrlich ein. Jedoch ist die Vogelwelt in diesem Jahr recht kuemmerlich. Mangels Monsun blieben auch die Voegel aus.
Der Sarus Crane. Wir geniessen es trotzdem, mit dem Fahrrad durch den Park zu fahren. Tatsaechlich ist die sonst ueberflutete Flaeche voellig ausgetrocknet. An wenigen Stellen wird Grundwasser hochgepumpt, wahrscheinlich um ein paar Tiere zu retten, die voellig vom Wasser abhaengig sind. Wir freuen uns ueber jedes Tier das wir sehen: Tauben, Kuehe, Affen...Naja, etwas Besonderes gibt es schon, zum Beispiel den Sarus Crane, den groessten fliegenden Vogel der Welt.

Fuer uns hat er sogar ein paar Dehnungsuebungen gemacht. Schlangen sehen wir keine, dafuer aber frische und beeindruckend breite Spuren. Ja und zahlreiche Antilopen und Wasserschildkroeten. Wir verlassen den Park zur Daemmerung. Angeblich soll es auch einen Tiger im Park geben. Verstreute Skelette von grossen Tieren haben uns nicht gerade in Sicherheit gewogen.

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