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Indien: Kerala - Maharashtra - Rajasthan - Uttar Pradesh - Uttaranchal (Dez 2002) - Delhi

Ab
in die
Berge
Himalaya Panorama
Uwe: 21. November 02. Um 8.30 kommt unser Zug puenktlich in Lalkuan an. Ich versuche sofort, die Berge zu erblicken. Und tatsaechlich, ganz blass kann ich in der Ferne Erhoehungen erkennen. Ganz vage nur. Wir radeln nach Haldwani und haben dabei direkten Kurs auf die Berge. Haldwani liegt gerade noch in ebener Landschaft. Danach beginnt das Gebirge unmittelbar mit steilen Haengen. Morgen werden wir endlich in die Berge eintauchen.

Aber den heutigen Tag verbringen wir noch in Haldwani. Nach dem touristischen Agra freuen wir uns, wieder in einem Oertchen zu sein, wo wir nicht staendig angesprochen werden und was kaufen sollen. Hier dreht sich vielmehr alles um Hochzeiten. An drei Hotels werden wir abgewiesen, weil sich eine Hochzeitsgesellschaft einquartiert hat. Als wir endlich eins finden, das uns aufnimmt, bereitet sich im Hof auch schon die Blaskapelle vor. Auch hier findet eine Hochzeit statt. Am Abend ziehen denn auch mehrere Hochzeitsgesellschaften mit dem ueblichen Brimbamborium (Generator, Lichtorgel, Lampen) durch die Strassen. So viele Braeute wollen heute nacht abgeholt werden. Die eigentliche Hochzeit findet um Mitternacht statt.

Freitag, 22. November 02. Heute geht es in die Berge. Zunaechst herrscht viel Verkehr, nicht zuletzt weil zahllose Schueler zu ihren Schulen transportiert werden wollen. Unser Zielort Nainital ist bekannt fuer seine excellenten Schulen. Offenbar strahlt dieser Ruf auch in die Umgebung aus. An der Strasse reiht sich eine Schule an die andere und ueberall sind junge Menschen in Schuluniform zu sehen. Teilweise sehen sie sehr elitaer aus.

Die Strasse wird bergiger. Der Verkehr laesst nach. In der Ferne und weit oben sehen wir den Ort Nainital (tal bedeutet See). Nainital liegt auf 1950 Metern. Mit zunehmender Hoehe werden die Aussichten immer spektakulaerer (Bild 97kB). Ach ist das schoen, durch die Berge zu fahren.

Nainital breitet sich entlang eines laenglichen Bergsees aus. Der Ort ist umgeben von Bergen, so dass wir auch hier, auf einer Hoehe von 1950 Metern noch keine Aussicht auf die hohen Gipfel haben. Aber auch so ist Nainital sehr huebsch gelegen, was auch zahlreiche Touristen und Honey-mooner anlockt. Am See werden die passenden Tretboote angeboten. Treetboote in Nainital.

Abends wird es knackekalt. Wir freuen uns ueber unsere dicken Fleeceklamotten. Die Menschen sind alle dick eingemuemmelt und tragen Muetzen. Nachts wirkt Nainital fast noch huebscher als tagsueber. Die vielen Lichter an den Haengen sehen ein bisschen wie funkelnde Sterne aus. An einem Stand gibt es sogar Nikolauskerzen die wir uns schon mal fuer Weihnachten sichern. Als wir an einer der Buden noch einen leckeren heissen Kaffee aus einer Pseudo-Espressomaschine trinken haben wir ein bisschen das Gefuehl, wir stuenden auf einem Weihnachtsmarkt. Um uns herum Verkaufsbuden, im Hintergrund bimmeln Glocken eines mit Lichterketten geschmueckten Tempels und wir stehen dazwischen mit einer heissen Tasse in der Hand.

Am Snow View Point in Nainital sehen wir zum ersten Mal ein fantastisches Panorama der hoechsten Gipfel Indiens vor uns. Die Sicht ist unglaublich klar, so dass wir den weit entfernte Nanda Devi und weitere Berge sehr deutlich sehen koennen.

So, 24.11.02 Heute geht es weiter nach Almora. Wir glauben, zunaechst 1000 Hoehenmeter runter zu fahren, packen uns sehr warm ein und machen uns auf den Weg. Doch schon kurz nach der ersten Abfahrt muessen wir schon wieder bergauf. Natuerlich kommen wir sofort ins Schwitzen, so das wir ein, zwei Schichten Klamotten wieder ausziehen muessen. Aber sobald es wieder runter geht, wird es saukalt.

Claudia warm eingepackt.
Es ist wie dieses "Schokoladeness-Spiel". Sobald man eine sechs wuerfelt, muss man Schal, Muetze, Handschuhe usw. anziehen und darf an einer Schokolade rumschneiden. Nur dass es bei uns keine Schokolade, sondern ein kleines Stueckchen Abfahrt gibt. Nach ein paar Mal An- und Ausziehen geht es endlich stetig runter. Und wie es runtergeht.

Wir tauchen in ein Tal ein und wundern uns, dass es immer weiter steil bergab geht, obwohl wir mehr oder weniger an einem Fluss entlang fahren. Alles ist hier supersteil. Die Talhaenge genauso wie der Flusslauf. Spaeter steigt die Strasse dann steil an bis rauf nach Almora.

Der Himalaya brennt
In Almora. Die Sonne geht unter. Die Wolken ziehen von links nach rechts. Die Kette der hohen Peaks des Himalaya ist nur unvollstaendig zu sehen. Aber die Farben des Sonnenuntergangs werden vom Schnee der Berge an die Wolken reflektiert. In wechselnden grellen Farben zwischen rosa und lila leuchten die Wolken. Einfach toll.

Mo, 25.11.02 Um 8 Uhr sind wir wieder auf der Strasse. Wieder dick eingemuemmelt. Wieder dieses An- und Ausziehspiel. Das Morgenlicht taucht die Landschaft in wunderbar weiches Licht. Ueber den bewaldeten Haengen entsteht ein lebendiges Muster aus Licht und Schatten. Weiter unten ist das Relief flacher. Hier wird viel Landwirtschaft betrieben. Durch die einzeln stehenden Laubbaeume sieht es ploetzlich aus wie eine gute alte schwaebische Streuobstwiese. Was allerdings nicht so recht ins Bild past ist der Affe, der von einem Hund gejagt ueber die Strasse fluechtet und mich zum Bremsen zwingt.

Unser Ziel ist Kausani, bekannt fuer ein weites Bergpanorama. Vor uns tut sich ein tiefer weiter Talkessel auf, der von den hoechsten Bergen Indiens ueberragt wird (Bild 111kB). Wir sind hier viel naeher an den Bergen als in Almora. Hier habe ich das Gefuehl, dass mich die Berge ueberragen und ich aufblicken muss.

Bergpanorama in Kausani

Wir uebernachten im Anashakti Ashram. Mahatma Ghandi hat sich Ende der 20er Jahre in diesem Ashram aufgehalten, zwei Wochen geschwiegen und dann das Anashakti Werk verfasst. Noch heute sind zahlreiche Regeln angeschlagen. Es haelt sich allerdings keiner daran. Waehrend des Dinners wird munter geplaudert, auch wenn doch geschwiegen werden sollte.

Nach dem Essen haben wir ganz schoen Muehe, noch einen Kaffee zu bekommen. Alles ist dunkel. Wir werden an einer Bude fuendig, wo der Wirt eigentlich gerade den Feierabend einlaeuten will. Aber er macht uns Kaffee und ist dabei ganz redselig. Als wir uns verabschieden schaut er gebannt in die Dunkelheit und faselt was von "Tiger" und "Big Cat". Wir sind schon ganz aufgeregt, schliesslich gibt es in Uttaranchal Leoparden. Da entdecken wir die suesse Hauskatze, die hinter einer Huette sitzt. Wir muessen also nicht kaempfen.

Claudia: "Scheint ja nicht so leicht zu sein" laestert Uwe, nachdem Deepaks fuenfter Versuch, die Gaslampe fuer uns anzuzuenden, scheitert. "Doch doch, es ist ganz leicht" antwortet Deepak in seinem langsamen und deutlichen Englisch und klingt damit unglaublich serioes, was gar nicht zu ihm passt. Nach vier weiteren Streichhoelzern brennt die Lampe. Nur keine Hektik. Deepak kommt aus einem kleinen Dorf in der Naehe von Kausani. Bereits seit 16 Jahren hat er die kleine "Restaurant-Bude" unterhalb des Ashrams, leider ohne Himalaya-Panoramablick. Zur Zeit gibt es morgens und abends ein bisschen Kundschaft, tagsueber hat er mal geoeffnet, mal zu. Wenn der letzte Kunde am abend gegangen ist - also wir unseren Kaffee getrunken haben - raeumt er die sechs Plastikstuehle in seine Bude und stellt sie so zusammen, dass sie eine Liegeflaeche ergeben zum Uebernachten. Das ist wirklich spartanischer als der Ashram.

Weiter...oder nicht?
Mi, 27.11.02. Dick eingemuemmelt verlassen wir den Ashram mit unseren beladenen Raedern. Heute geht es wirklich nur bergab, da sind wir ganz sicher. Wir fahren Richtung Dorf und wollen zum letzten Mal das wunderschoene Panorama von Kausani geniessen. 350 Kilometer Schneeberge. Da lernen wir Philipp kennen. Endlich mal ein Reisender und noch dazu ein netter. Er schwaermt so von Kausani, dass wir ueberlegen, ob wir nicht doch noch eine Weile bleiben sollen. Hin- und hergerissen radeln wir erstmal eine Serpentine weiter um den Berg herum, um einen Kaffee zu trinken. Wow. Von hier ist das Panorama noch beeindruckender. Wir koennen bis nach Nepal sehen. Nichts stoert den Blick in die Ebene und auf die darauffolgenden Schneeberge als Abschluss am Horizont. Die Einheimischen sagen, dass der Schnee von Jahr zu Jahr abnimmt. Klimawechsel. Einer meint sogar, in 20 Jahren gaebe es keinen Schnee mehr auf den grossen Himalaya-Bergen. Was fuer eine duestere Vorstellung.
Beim Kaffee bietet uns der Wirt ein "Cottage" fuer 50 Rupien (etwas mehr als 1 Euro) an. Er weist auf eine kleine Huette etwas unterhalb seines Hauses. Wir stapfen das terassierte Gelaende herunter. Die kleine Huette mit Lehmboden und Waenden aus Blech mit Bastmatten verhaengt ist wirklich total nett. Statt Fenster gibt es ein grosses Moskitonetz, das mit einer blauen Plastikplane zugehaengt werden kann. Und durch dieses Netz sieht man auch das wunderbare Bergpanorama. Draussen steht eine Blechtonne mit Wasser und immerhin ist - ebenfalls mit blauem Plastik umspannt - noch eine Toilette und eine Art Waschflaeche vorhanden. Das ist so unglaublich idyllisch und ruhig und nett, dass wir beschliessen, uns hier einzuquartieren. So sind wir 1,5 km weit gekommen und koennen uns wieder "entmuemmeln".

Zusammen mit Philipp und zwei Kanadierinnen, Sally und Jessy, verbringen wir die naechsten beiden Abende in Kausani. Wir haben bisher so wenig Reisende getroffen, dass wir es unglaublich geniessen, uns ueber unsere Erlebnisse in Indien auszutauschen. Jessy und Sally sind beide schon viel in der Welt herumgekommen. In Indien waren sie in zwei Monaten jedoch erst an drei Stellen, weil sie gleich krank geworden sind.

Alles wegen Geld
Die State Bank of India ist weltweit die Bank mit den meisten Filialien. Doch nicht jede wechselt Geld. Inzwischen ist klar, dass wir nach Almora zurueck muessen. Weiter in den Bergen gibt es keine Moeglichkeit mehr. Also lassen wir Fahrraeder und Sachen im Cottage und fahren mit einem Public Jeep nach Almora.
Uwe freut sich ueber die Geldbuendel.
Dort verbringen wir noch einen Tag mit Philipp und quartieren uns im Hotel Kailash ein. Mr. Shah fuehrt das Guest House seit 30 Jahren, ist selbst schon 85. Es sieht aus wie ein Hexenhaeuschen und ist unglaublich vollgekruschtelt. Dagegen sind unsere ehemaligen Wohnungen leer und aufgeraeumt! In der Nacht ist es supersuperkalt. Wir vermissen unsere Schlafsaecke, ziehen alles an was wir haben und setzen unsere Muetzen auf. Es nuetzt nichts. Meine Fuesse sind Eisklumpen. Ich bin froh, als die Nacht rum ist. Sobald die Sonne scheint, wird es wieder warm.

Mit dem Bus fahren wir zurueck nach Kausani. Fast, denn unterwegs bleibt der Bus liegen. Alle steigen aus und es wird fleissig herumgeschraubt. Zum Glueck kommen Jeeps vorbei. wir fahren mit einem weiter. Ploetzlich bleibt der Jeep stehen. alle drehen sich um und gucken mich an. Und tatsaechlich, ich bin die einzige Frau im Jeep und waehrend sich alle noch irgendwie auf die Sitzbaenke druecken, sitze ich auf dem Ersatzreifen in der Mitte. "Nein, nein, kein Problem" rufe ich als sich zwei Inder in meinem Ruecken versuchen noch mehr zusammenzuquetschen, um mir Platz zu schaffen. Trotz Patriachart gibt es doch oft einen hoeflichen Umgang Frauen gegenueber. So ist im Puplic Jeep oder Share Taxi klar, dass die Frauen die Sitzplaetze bekommen, waehrend die Maenner oft aussen am Jeep geklammert mitfahren.

Wir kommen in Kausani an, es daemmert, Uwe geht es nicht gut. Vermutlich hat er Fieber. Jetzt mit angeschlagener Gesundheit im Cottage uebernachten? Wir haben Angst, wieder frieren zu muessen. Am Cottage hat die nette Familie Verstaendnis, kocht uns noch einen Kraeutertee und hilft uns, die Sachen zur Strasse rauf zu tragen. Wir quartieren uns im DeepRaj Guest House ein, in dem Zimmer, in dem vorgestern noch Jessy und Sally (Bild der beiden "Blanket-Gurus" 118kB) gewohnt haben, und freuen uns ueber die vielen Decken, die es dort gibt.

Uwe misst Fieber. 39,9 Grad Celsius! Unser Wirt holt einen Arzt. Es ist der Mann aus der Medikamentenbude in Kausani. Der raet uns, das Fieber auf unter 39 Grad herunterzukuehlen. So schaffen wir es denn auch, mit kalten Lappen auf Kopf, um Haende und Waden, das Fieber zu senken. Am naechsten Morgen steht das geballte medizinische Wissen Kausanis vor unserem Zimmer. Der Mann aus dem Medikamentenbuedchen und der Doktor aus dem Government Hospital. Sie diagnostizieren eine Virusgrippe und beteuern, dass Uwe keine Symptome fuer Malaria hat. Einen Bluttest koennen wir nur in Almora machen. Schon wieder Almora!? Uwe erhaelt eine Spritze in den Po. Nachdem die beiden gegangen sind, ist zumindest klar, dass die Spritze steril war und auch nicht noch einmal benutzt wird. Die Spritze mitsamt Kanuele, Glassplitter und Ampullenflaeschchen und alle Verpackungen liegen verstreut auf dem Boden unseres Hotelzimmers.
Sechs Tage lang geht das Fieber auf und ab. Uwe liegt im Bett und ich mache tagsueber meine Shopping-Tour durch Kausani. Ein Shop sieht aus wie der andere. Ueberall Bonbons in Glaesern und diverser Kruscht. Die Maenner stehen zu Trauben zusammen und spielen Karten. Lange mag ich nicht wegbleiben. Der Eimer mit kaltem Wasser steht vor Uwes Bett.

Das Internet-Cafe vernetzt Kausani
"Marriage, Marriage!" lachen mich die zwei in Schals vermummte Mitarbeiter des Hill Queen Restaurants an. Es ist noch immer Hochzeitssaison in Indien und Kiran, der Chef, ist desoefteren eingeladen. Da bleibt das Internet-Cafe geschlossen. Kausani ist ein Ort zum Geduld ueben. So wie in Spanien das Wort "Manana" (morgen) einem den letzten Nerv rauben kann, so gibt es hierfuer in Kausani zwei Aequivalente: "Marriage" und "Almora". Der, den man sucht, ist nicht da und das, was man braucht, gibt es nur in Almora. Und Almora ist 60 Kilometer entfernt. Auch die Internetverbindung ist ein Geduldsspiel. Es dauert 1,5 Stunden, um eine E-Mail zu oeffnen. Willkuerliche Unterbrechungen der Verbindungen oder "Power-Cut" (das Kraftwerk dreht den Hahn ab) sorgen fuer weitere Verzoegerungen. Aber das Internet-Cafe ist auch ein guter Ort, um interessante Exoten von Kausani kennen zu lernen. Zum Beispiel David, der seit mehr als 30 Jahren im Lakshmi Ashram lebt und arbeitet, dort inzwischen gluecklich mit Hansi verheiratet ist und eine 8jaehrige Tochter hat. Robert kam ausgerechnet am 11. September 2001 mit einem 10-Jahresvisum von Amerika nach Indien, "Vielleicht genau der richtige Zeitpunkt, Amerika zu verlassen" meint er und verweist auf Nostradamus. Er wohnt jetzt in Kausani in einem 4-Zimmer-Appartement bei einer indischen Familie und meditiert viel.

Carl, ein Kanadier ist aktiv in einer internationale NGO "Non-violent-peace-force". Nach einem Meeting mit Vorstandswahlen in der Naehe von Delhi erholt er sich ein paar Tage in Kausani. Und Swami Chaitanga, komplett in orange gekleidet und mit unglaublich langem Bart ist er als Sadhu unterwegs, lebt jedes Jahr fuer mehrere Monate in Kausani. "Geduld und einen Sinn fuer Humor, das braucht man in Indien." sagt Swami. Recht hat er. Swami in Kausani.

Uwe hat kein Fieber mehr und kann endlich wieder draussen herumtappen. Die Jeans schlottert um seine Beine. Meine Guete ist er duenn geworden. Als ich im Jeep nach Almora die vielen spitzen Knochen in meinen Beinen gespuert habe, habe ich noch gedacht, dass Uwe, Philipp und ich, nun wirklich nicht gerade uebergewichtige Europaeer, hier die dicksten sind. Fuer meinen Geschmack hat sich Uwe jetzt ein bisschen zu sehr angepasst. Ausserdem fuehlt er sich entsprechend schwach. An eine Weiterfahrt ist noch nicht zu denken.

Planeten - Lakshmi Ashram - und immer wieder Sunrise, Sunset ueber dem Himalaya
Jeden Morgen um 5.30 zeigt Kiran im Hill Queen durch sein Teleskop die Planeten Venus, Saturn und Jupiter. Jeden Morgen? Nein, natuerlich nicht, wenn eine Hochzeit ist. Und so stehen wir um 5.30 am Hill Queen, treffen auf Carl und Kollegin, aber nicht auf Kiran. Am naechsten Morgen klappts. Zehn Maedchen im Alter von 6 bis 15 Jahren und zwei Lehrerinnen vom Lakshmi Ashram sind ebenfalls da und tummeln sich ums Teleskop.
Venus erscheint als unglaublich heller Stern am Morgenhimmel. Durch das Teleskop betrachtet sieht sie zur Zeit aus wie ein Halbmond. Beeindruckend ist natuerlich Saturn. Ganz klein nur, aber immerhin deutlich, sehen wir den Planeten mit seinen Ringen, die als ein Reif erscheinen. Und dann gibt es noch Jupiter mit seinen Monden in einer geraden Linie zu bestaunen. Wir verabreden uns mit Neema fuer den Nachmittag, um sie fuer unser Album amicorum zu interviewen. Das ist grossartig. Der Ashram leistet gute Arbeit fuer die Maedchen und Frauen in der Kumaon-Region. Gesponsort wird die soziale Organisation von einem daenischen Rotary-Club. Die Maedchen im Ashram lernen die Gedanken Ghandis. Dazu gehoert auch die Selbstversorgung. Sie bauen Obst und Gemuese an, spinnen und weben. Zur Zeit wohnt auch eine Deutsche im Ashram. Ulrike lebt und arbeitet hier fuer ein ganzes Jahr (Interview mit Ulrike).

Uwe: Der Ashram liegt wunderschoen an einem steilen Hang oberhalb der terassierten Taeler. Ein betonierter Fussweg fuehrt dorthin. 72 Maedchen und Frauen leben hier. Als wir ankommen macht Neema gerade Buchhaltung oder irgendeinen anderen Papierkram. Wir setzen uns zu ihr auf den Boden. Neema erlaeutert uns die Arbeit des Ashrams und die Situation der Frauen in den Bergen von Kumaon. Sie zeigt uns die verschiedenen Bereiche des Ashrams, die Anbauterassen, das Bewaesserungssystem, die Spinnerei und die Weberei und den Viehstall mit seiner warmen stickigen Luft. Die Sonne ist schon nicht mehr zu sehen, als wir gehen. Wir haben sehr viel erfahren und freuen uns, dass wir Neema treffen und interviewen konnten.

Ueberhaupt machen wir in Kausani viele interessante Bekanntschaften. Da ist Deepak, in seiner Imbissbude, der so eine spezielle, symphatische Art zu reden hat, dass wir ihn beide einfach gern haben mussten. Fuer uns speziell, weil so wahnsinnig nett, ist die Familie des Cottages, wo wir leider auch nur zwei Tage bleiben konnten, aber immer mal wieder zum Fruehstuecken hin spazierten. Auch Kiran, der Chef des Hill Queen Restaurants, ist eine aussergewoehnliche Persoenlichkeit. Seine ruhige, geduldige Art laesst ihn so unindisch wirken. Und dabei laechelt er permanent. Vielleicht verkoerpert er den Ort Kausani am besten. Wir koennten ihn uns jedenfalls sehr gut als Buergermeister von Kausani vorstellen. Wenn er erstmal ganz hier lebt. Momentan pendelt er noch je nach Saison zwischen dieser Bergidylle und dem Moloch Delhi, wo seine Familie lebt. Wenn die Kinder die Schule beendet und auf hoehere Schulen in Puna oder Bangalore gehen, dann moechte er mit seiner Frau und seiner Mutter ganz nach Kausani ziehen.

Auch die Begegnung mit Swami Chaitanga war von Anfang an total angenehm und nett. Swami lebt ein sehr religioeses Leben, beschaeftigt sich viel mit goettlichen Energien und scheint auch selbst viel Energie auszustrahlen. Uns tat jedenfalls die kurze Begegnung am Morgen sehr gut. Es war klar, dass wir seine Einladung, ihn zu besuchen, gern annehmen. Am naechsten Tag radeln wir zu ihm und unterhalten uns, immer wieder gestoert von Kindern, die von ihm fotografiert werden wollen. Swami ist als US-Amerikaner, in der Naehe von New York geboren, war aber in seinem Leben viel in der Welt unterwegs. Heute hat er dem westlichen Leben zum grossen Teil den Ruecken gekehrt und sucht als Hindu die Erleuchtung. Er ist immer in orange gekleidet und hat einen sehr langen Bart, so dass man ihn auf den ersten Blick gar nicht mehr als Auslaender erkennt. Zudem spricht er fliessend Hindi. Er lebt seit 10 Jahren groesstenteils in Indien, reist aber immer noch viel durch die Welt. Wir reden viel ueber Goetter und die Welt. Swami kann so viele Dinge sehr anschaulich erklaeren, die fuer uns bisher nicht so recht verstaendlich waren, zum Beispiel die Hindu-Religion, das Kasten-System und die Spiritualitaet in Indien. Ausserdem hat er einfach Humor und wir lachen viel. Wir verabschieden uns mit wahnsinnig vielen Gedanken im Kopf. Es ist schade, dass wir morgen abreisen und ihn zumindest auf absehbare Zeit nicht mehr treffen werden.

Freitag, 13.12.02, Umso mehr freuen wir uns, als Swami an diesem Morgen mal wieder im Hill Queen am Computer sitzt. Eigentlich wollten wir uns von Kiran verabschieden. Der ist aber in Someshwar. So ist Swami der letzte, dem wir in Kausani "Namaste" sagen. "Wenn Engel reisen, lacht die Sonne" sagt er zum Abschied in seinem perfekten Deutsch und grinst breit.
Die meisten Touristen kommen nach Kausani, um ein Mal Sunrise und Sunset ueber dem Himalaya zu bestaunen. Wir haben insgesamt 17 Tage hier verbracht. So schoen es hier auch ist, nun sind wir happy, endlich weiter fahren zu koennen. Der Weg nach Bageshwar fuehrt durch ein unglaublich liebliches Tal mit Terassenfeldern und sich schlaengelnden Fluss, eingerahmt von steilen, mit Pinien bewaldeten Berghaenge, vielfach terrassiert. Zudem ist es angenehm warm in der Sonne. Endlich radeln wir wieder. Die naechsten Tage fuehren uns noch tiefer ins Gebirge.

Die Frauen in den Bergen
Unterwegs nach Birthi wird uns mal wieder sehr deutlich ein Aspekt der indischen Gesellschaft vorgefuehrt: Die Tee-Bars sind voll von Maennern, die rumsitzen oder Karten spielen und ein paar Meter weiter kommen uns schwer beladene Frauen entgegen, die mit gebeugtem Ruecken riesige Mengen an Feuerholz schleppen. Wie ungerecht doch die Frauen behandelt werden. Einerseits wird von den Frauen erwartet, dass sie Maenner zur Welt bringen, weil Frauen weniger wert sind, andererseits sind es aber die Frauen, die viel mehr und haerter arbeiten als die Maenner.
Eine junge Frau schleppt Holz
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Claudia: Immer wieder hoeren wir von den Vorteilen der arranged marriages (die Eltern "verheiraten" ihre Kinder) und des Kastensystems. Jeder habe dadurch einen Platz in der Gesellschaft und eine starke Familie, die zusammenhaelt. Aber es manifestiert auch viele Nachteile. Zum Beispiel ist die Frau in der Regel aus einer Kaste, die ein bisschen unter der des Mannes steht. Der Mann darf die fuer ihn ausgesuchte Braut ablehnen, die Frau nicht. Das zeigt einmal mehr den Stellenwert der Frau sowie der Kaste, in die man hineingeboren wird. Die wunderbare Geschichte der indischen Schriftstellerin Suniti Namjoshi bringt die Diskrimminierung der Frauen und des Kastenwesens mit einem Augenzwinkern auf den Punkt.

Suniti Namjoshi: Der Brahmane und seine Tochter
In der heiligen Stadt Benares lebte einst ein Brahmane*. Waehrend er am Flussufer wandelte und den Kraehen zusah, die sich von den Leichenresten naehrten, die halb verkohlt in der Stroemung trieben, sagte er zu sich selbst: "Nun ja, ich bin arm, aber ich bin ein Brahmane; nun ja, ich habe keine Soehne, aber ich, ich selbst bin doch maennlichen Geschlechts. Ich will in den Tempel zurueckkehren und Gott Vishnu** um einen Sohn bitten." Er nahm den Weg zum Tempel, und Gott Vishnu hoerte ihn an und erhoerte ihn. Allerdings schenkte er ihm, ob aus Zerstreutheit oder aus anderen unerforschlichen Gruenden, eine Tochter.
Der Brahmane war enttaeuscht; doch als das Kind alt genug war, rief er es zu sich und sprach: "Ich bin Brahmane. Du bist meine Tochter. Ich hatte auf einen Sohn gehofft. Nun gut. Ich will dich alles lehren, was ich weiss, und wenn du verstaendig genug bist, wollen wir gemeinsam meditieren und nach Erleuchtung suchen."
Obwohl nur ein Maedchen, war sie doch eine Brahmanin und lernte schnell. Da setzten sie sich zusammen nieder und meditierten angestrengt, und Gott Vishnu erschien ihnen schon nach kurzer Zeit. "Was wollt ihr?" fragte er. Der Brahmane konnte kaum an sich halten. Er redete gleich los: "Ich will einen Sohn" "Gut", sagte der Gott, "in der naechsten Runde." Im naechsten Leben*** wurde der Brahmane eine Frau und gebar acht Soehne. "Und was ist dein Begehren?" fragte Vishnu das Maedchen. "Ich moechte den Rang eines Menschen bekommen" "Oh, das ist viel schwieriger", wich der Gott aus, und setzte eine Kommission ein, um das Problem zu studieren.

Aus: Dieter Riemenschneider (Hrsg.), Shiva tanzt. Das Indien-Lesebuch, Suniti Namjoshi, "From the Panchatantra", The Miscellany 98 (March/April 1980, 7. Deutsch von Rita Peterli.)
*Brahmanen: hoechste Kaste der Hindus
**Gott Vishnu: Gott der Hindus
***Inkarnation: Ein wichtiger Bestandteil des Hinduismus ist der Glaube an die Wiedergeburt, solange, bis man Moksha,
    die endgueltige Erloesung erreicht.

Die Entdeckung der Langsamkeit
Claudia: Di,17.12.02. Heute ist der Tag der Rekorde. so hoch sind wir noch nie gefahren, und so langsam auch nicht. Von Birthi aus geht es stetig bergauf. Wir sehen den Berg, den es zu ueberwinden gilt und bald auch ueber uns den Verlauf der Passstrasse. Wirklich heftig sind die letzten 5 Kilometer Anstieg. Die Strasse wird zur Schotterpiste. Steil und grosse Steine. Das ist wirklich gemein. Mich hauts manchmal sogar vom Fahrrad. So sind wir denn gluecklich, nach 6 Stunden endlich auf 2750 Meter am Shakti Tempel zu sein. Zwar sind wir 900 Hoehenmeter gefahren, aber nur 18 Kilometer Strecke! Unglaublich, wie anstrengend 18 Kilometer sein koennen (Bild 150kB).

Auf der Passhoehe sehen wir den Panchachuli in den Wolken, nur eine seiner 5 spitzen Peaks ist frei. Es faengt an zu graupeln. Munsiyari soll ein Regen- und Nebelloch sein. Doch wir haben Glueck. Schon in der Nacht loesen sich die Wolken auf und der Panchachuli zeigt sich im Mondlicht. Am Morgen erstrahlt er in ganzer Pracht (Bild 112kB). Deshalb sind wir hier!

Ueberall auf der Welt gibt es "Zu-spaet-Kommer"Aus dem Gebauede gegenueber unserer Lodge ertoent schon lauter Gesang, alle Schulkinder, die gerade noch auf den Daechern herumgeturnt haben, sind in der Schule, da rennen noch zwei Kinder den Weg entlang. Zu spaet, zu spaet. Ein Mann laeuft mit einem Huhn unterm Arm umher und Frauen schleppen Holz. Munsiyari ist ein Dorf. Aber immhin hat die Schule ein Dach fuer die Koepfe der Kinder. Unterwegs haben wir immer wieder Schulen gesehen, die bestanden aus einer Tafel mit einer Flaeche davor, auf der die Schuler hockten.

Die verlorene Scheibe
"So, ich geh jetzt noch mal raus und finde diese Scheibe", sage ich zu Uwe. Wir sind genervt. Nach einem gemuetlichen Waschtag in Munsiyari schraubt Uwe am Nachmittag im letzten Sonnenlicht an den Bremsen herum und verliert eine kleine Scheibe, die wichtig ist, um die Bremse richtig einzustellen. Wir haben schon die ganze Veranda abgesucht, den ganzen Muell aus kleinen Tuetchen von Kautabak und alten Zigaretten, der sich auf so einer indischen Veranda ansammelt, aus den Ritzen gefegt. Aber nichts. Die Scheibe ist wie verschluckt. Da fuehl ich mich in all meinen unheimlichen Vorahnungen bezueglich Munsiyari bestaetigt. Hab ich es doch gewusst. Aus diesem Loch hinter den sieben Bergen kommen wir so ohne weiteres nicht wieder raus. Seit Uwes Krankheit in Kausani haben wir lange darueber diskutiert, ob wir uns so weit in die Berge trauen sollen. Jetzt sitzen wir also fest, muessen morgen bei Tageslicht weitersuchen und gar in Munsiyari krank werden, oder aber mit schlecht eingestellter Bremse diese abgrundsteilen Abfahrten fahren! Mit meiner ausgesprochen anschaulichen Fantasie sehe ich das Unheil, so oder so. Ok, ich will jetzt diese Scheibe finden und geh jetzt nochmal raus und wenn ich diese Scheibe finde, dann bleiben wir freiwillig hier, nein, besser wir meditieren morgen um 4 Uhr und entscheiden dann, ob wir weiterfahren oder - einfach so - noch bleiben. "So, ich geh jetzt raus und finde diese Scheibe" sage ich zu Uwe. Mit Stirnlampe bewaffnet gehe ich auf die Veranda und leuchte den schon so oft fixierten Boden ab, Uwe folgt mir. "Vielleicht in der Tube", sage ich. Uwe nimmt die halb aufgeschlitzte Weissblechtube hoch. Unglaublich: Die Scheibe purzelt heraus. Juchu!!! Wir stellen den Wecker auf 4 Uhr.

Um halb 4 werde ich wach, gehe raus. Der Panchachuli und die hohen Berge Nepals strahlen im hellen Vollmondlicht. Schoen. Wir beschliessen, weiterzufahren. Raus aus der Kaelte der hohen Berge.

Nackt auf 2,7
Auf der Passhoehe im Shakti-Tempel soll ein nackter Sadhu leben. Auf 2.700 Metern Hoehe. Brrr. Wenn wir den nackten Sadhu erreicht haben, geht es nur noch runter. Bremsentest.
Uwe: Wir radeln die atemberaubende Strecke am Steilhang entlang und sind schon auf den nackten Sadhu gespannt.
Bergstrasse bei Munsiyari.
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Die kleine Tempelanlage ist voll von religioesen Utensilien wie Glocken, Goetterstatuen und Blueten. In einem Gebaeude neben dem Tempel scheint der Sadhu zu leben, mit vielen Hunden. Erst als wir wieder gehen wollen, zeigt er sich. Bekleidet! Wenn auch nicht allzu dick. Um die Beine flattert nur ein Lungee. Da er kein Englisch spricht, klappts mit der Kommunikation nicht so recht. Wir machen uns wieder auf den Weg.

Bis Ratapani, eigentlich kein Ort, sondern nur 3 bis 4 Huetten, hat das Radeln eher den Charakter von konzentriertem Material-Schonen. Tief unter uns koennen wir schon unseren Zielort erkennen, bis dahin sind aber noch 14 Serpentinenkilometer zurueckzulegen.

Bei einer Chaibude auf halber Hoehe machen wir Pause. Zehn Maenner sitzen um uns herum, reden kein Wort und gaffen nur schuechtern. Das ist eine merkwuerdige Stimmung. Im allgemeinen sind die Leute in den Bergen viel zurueckhaltender als auf frueheren Indien-Etappen.

Staunender Inder.

Der Wasserfall poltert
Zurueck in Birthi haben wir noch Zeit, den 125 Meter hohen Wasserfall aus der Naehe zu bewundern. Wir sitzen ganz nah darunter und haben beim Hochschauen fast das Gefuehl, das Wasser stuerze auf uns. Am Fuss des Wasserfalls liegen total viele grosse Gesteinsbrocken. Offenbar spuckt der Berg immer wieder grosse Steine. Die ganz grossen Brocken koennen es locker mit einem Einfamilienhaus aufnehmen. Ich stelle mir gerade vor, wie sich ab und zu mal so ein Block in den Wasserfall mischt, als wir ein dunkles Poltern hoeren. Wir schrecken auf und laufen vom Wasserfall weg so schnell wir koennen. aber es kommt weiterhin nur Wasser. Offenbar hat sich lediglich im Seitental ein kleines Gewitter entwickelt.

20.12.02. Auf eine bestimmte Pause freuen wir uns seit Tagen. Chai (Tee) mit KUCHEN! Auf der Fahrt in die Berge haben wir zufaellig dieses unscheinbare "Hotel" mit leckerem Kuchen entdeckt. Jetzt steuern wir gezielt dorthin. Zum Glueck hat die Bude auf. Dieser leckere unindische Kuchen ist eine feine Abwechslung. Der Kuchen schmeckt ein bisschen wie Donauwellen mit seiner cremigen Glasur. Lecker.

Claudia: Sa, 21.12.02. Die Strecke nach Pithoragarh ist atemberaubend. Wieder fahren wir an Berghaengen entlang und durch steile gruene Taeler. Schade nur, dass die atemberaubensten Strecken immer so anstrengend sein muessen. Es geht kraeftig rauf und runter. Gemein. Den indischen Karten sind solch laecherliche Kleinigkeiten wie Hoehenangaben nur marginal zu entnehmen. Puh! Um 17.30 Uhr mit der Daemmerung erreichen wir Pithoragarh. Im Ort wird es nochmal richtig steil. Der Ort ist erstaunlich gross. Das laesst doch hoffen, das es Weihnachten nicht nur Reis mit Dhal gibt. Ausserdem sehen wir eine christliche Kirche. Sollte hier gar Weihnachten gefeiert werden?

Pithoragarh ist zwar relativ gross, aber auch hier wird alles zusammengeklappt, sobald es dunkel wird. Nur ein paar zusammengekehrte Muellhaufen brennen dann noch. Jugendliche treffen sich an diesen brennenden Haufen, stehen darumherum und waermen sich. Der Gestank von brennendem Plastikmuell ist morgens und abends in Pithoragarh allgegenwaertig und kriecht durch die Fenster unseres Hotelzimmers.

Gerade wollen wir ein bisschen in unsere Weihnachtsdepression verfallen, da steht ein ca. 15jaehriges Maedchen neben uns, will sich mit uns unterhalten. Nach anfaenglichen Zoegern gesellt sich die zwei Jahre juengere Schwester hinzu. Es sind Kushboo (good smell) und Reshma (Sunrise). In Indien haben die Namen immer eine schoene Bedeutung. Die beiden sind sehr unterhaltsam. Sie gehen in Pithoragarh zur Schule, in eine sehr, sehr grosse Schule (O-Ton: "huge, huuuuuge building"). Die beiden sind Punjabi und eigentlich seien alle Punjabi gross und dick und stark, weil sie in der Landwirtschaft arbeiten und viel essen muessen. Sie aber sind in Pithoragarh in der Schule und muessen jeden Morgen um 5 Uhr um das grosse Gebaeude rennen. Fruehsport. Und das Essen im Internat ist mies. Deshalb seien sie ganz duenn. Nur zwei Monate im Jahr sind sie Zuhause. Zum Market, in die Stadt duerfen sie nur mit schriftlicher Erlaubnis der Direktorin, eine dicke Australierin. Zum Abschied schenken uns die zwei auch noch einen Schokoriegel. Jetzt muessen wir Alten den beiden Kids die Suessigkeiten wegessen. Unglaublich. Aber lecker.

Weihnachten in Pithoragarh
24.12.02. In Pithoragarh gibt es immerhin eine methodistische Kirche. Aber erst am 24. Dezember beginnen sie, die Kirche zu schmuecken. Vorher ist von Weihnachten wenig zu spueren. In den Strassen gibt es Neujahrskarten mit gruenem Plastikgestruepp dazwischen, ein Restaurant haengt ein paar Lichterketten auf und drinnen werden Jesus-Kalender gerollt. Wir haben unsaegliches Heimweh.

Ploetzlich schliessen alle Geschaefte. Die Rollaeden krachen nach und nach zu Boden. Dabei ist es erst Mittag. Wird etwa doch Heiligabend gefeiert? Wir treffen bekannte Gesichter, Neeraj (Lotus) und Suresh (king of gods parliament). "Nein, nein, das ist ein Streik", erklaeren sie. "In Haldwani hat sich gestern aus Protest ein Student selbst verbranne. Deshalb streiken jetzt alle Geschaefte in Haldwani, Nainital, Pithoragarh, dort wo die grossen Schulen sind." Warum hat er das getan? Das kann keiner so genau erklaeren, dazu ist die Nachricht zu neu. Spaeter erfahren wir, dass man ihm und seiner Studentenvereinigung verweigert hat, an Wahlen teilzunehmen.

Uwe: Neeraj und Suresh laden uns ein, nach Chandak zu fahren. Das ist ein kleiner Ort auf einem naheliegenden Berg mit einem schoenen Aussichtspunkt (Bild 120kB). Auf der Fahrt legt Suresh eine Cassette mit einer Rede von Osho, dem wohl in Europa bekanntesten Guru, ein. Neeraj und Suresh, die von sich behaupten, nicht religioes zu sein und an keinen bestimmten Gott zu glauben, legen diese Cassette einfach so beim Autofahren ein. Fur uns eine komische Vorstellung, zumal der gute Osho auf eine ganz spezielle, langsame und sehr eindringliche Art redet, bei der er immer am Ende eines Satzes den letzten Ton der Silbe ganz langsam verstummen laesst.

Claudia: Wir fahren zu einem Tempel. Der Tempel ist reichhaltig geschmueckt, viele Leute sind dort. Ein Fest? Unsere beiden Begleiter wissen nicht so recht, was los ist. Sie erkundigen sich. Es ist ein Opferfest. Fuenf Ziegen werden geopfert. Den beiden ist das sichtlich unangenehm und auch wir wissen nicht so recht, ob wir uns das wirklich anschauen sollen. Wir naehern uns dem Tempel. Zwei Ziegenkoepfe und zwei zuckende Ziegenkoerper liegen schon vor dem Tempel, eine Menge Menschen umringt dicht die Stelle, wo die Ziegen gekoepft werden. Wir sehen nur ein grosses Messer in der Luft und hoeren ein stumfes Geraeusch. Relativ zuegig ist das Spektakel vorbei, die Ziegen und ihre Koepfe werden weggeschleppt. Es bleibt eine Blutlache und eine Blutspur. Durch diese laeuft barfuss ein Mann mit einem Tablett mit Bechern. Er kommt auf uns zu und bietet uns einen Chai an. Nein danke.
Als Uwes Kamera entdeckt wird, werden wir durch ein Tor gebeten. Vor dem Gelaende des Tempels liegt ein grosser Bueffelkoerper und fein saeuberlich abgetrennt davor der Kopf. "Davon soll ich wohl jetzt ein Foto machen" meint Uwe und schluckt. Na denn.

Weihnachtsmesse
Um 17.30 Uhr gehen wir in die Kirche. Inzwischen ist sie ueber und ueber mit Lichterketten behaengt. Innen steht eine Art Weihnachtsbaum: Gruene Zweige mit bunten Luftballons und Watte dekoriert. Die Messe besteht aus einer Aneinanderreihung von kleinen Auftritten von Kindern, die als Sterne oder heilige Kuehe durch die Kirche flitzen. Je laenger die Messe dauert, desto mehr macht sich ein Kommen und Gehen bemerkbar. Draussen leuchtet ein grosses Lagerfeuer. Wir gehen raus und bekommen gleich Chai und Sweets in die Hand gedrueckt - ja und einen aufgerollten Jesuskalender als Geschenk. Wir unterhalten uns nett mit Santa Claus (einem verkleideten Maedchen) und seinem Bruder. Es ist mal wieder unglaublich leicht, mit den Leuten ins Gespraech zu kommen.

Wo ein Telefon ist noch lange keine Verbindung
Dann muessen wir aber dringend wieder los. Schliesslich wollen wir Zuhause anrufen. So schlagen wir alle Einladungen aus und steuern diverse Telefonbuden an. Nichts. Keine Verbindung. Wir waehlen und waehlen und waehlen. Um 22 Uhr schliesst die letzte Bude. Ist das frustrierend. Jetzt hoffen wir, dass unsere E-Mails angekommen sind und sich daheim niemand Sorgen macht. In unserem Hotelzimmer zuenden wir jede Menge Kerzen an, essen einen kleinen leckeren Weihnachtskuchen und Mandarinchen. Wir kuscheln uns in die Schlafsaecke, denken an Zuhause und erzaehlen uns Geschichten. Frohe Weihnachten.

Uwe: Ein Weihnachtsgeschenk bekommen wir am naechsten Tag von unserer unglaublich netten Hoteltochter Priyadarshini. An der Grenze zu Nepal gibt es einen kleinen Markt. Von dort hat sie uns Handschuhe aus Nepal und China mitgebracht. Ist das nett.
Als sie mitbekommt, dass wir mit den Fahrraedern unterwegs sind, erwaehnt sie, dass sie andere Radfahrer getroffen hat, aus der Schweiz. Wir freuen uns schon auf den Erfahrungsaustausch, da erwaehnt sie, dass das ungefaehr 2 Jahre her ist. Sie erinnert sich noch an die Namen, "Stephen" und "Sandra", oder so. Aha, das muessen Sandy und Steph gewesen sein. Deren Website gibt es hier.

Amoeben und Wuermer
Claudia: Indien, oh Indien - es ist so anstrengend. Nicht schon wieder. Alle Radtaschen stehen schon gepackt bereit, fruehmorgens wollten wir weiter nach Lohagat. Bauchkraempfe, Rueckenschmerzen, Kopfschmerzen, Durchfall, Fieber. Diesmal bin ich wieder dran. Es ist grauenvoll und frustrierend. Macht keinen Spass.
In Indien sind viele Menschen krank, nicht nur Auslaender, die fremde Bakterien nicht vertragen. Ein riesiges Problem ist das Wasser. Selbst in den Bergen ist es nicht trinkbar. Sogar das abgefuellte Wasser in Plastikflaschen ist oft ein Greuel. Die vertrauenserweckend-klingende Marke "Kwality Kwencher" schmeckt zum Beispiel nach Abgasen. "Trinkwasser fuer alle bis 2004" proklamiert Premierminister Vajpayee. Ein schoenes Ziel, da hat er ja was vor. Vor verschmutztem Wasser kann man sich nicht wirklich schuetzen. Schliesslich werden Tassen und Teller mit Wasser aus der Leitung oder aus Wassertonnen gespuelt. Wasser ist wichtig. Das wird einem richtig bewusst, wenn es kein gutes gibt.

Das Krankenhaus in Pithoragarh ist erneut Massenabfertigung. Untersucht werde ich in einem Raum, in dem sich noch mindestens 15 weitere Patienten aufhalten, vor der Tuer steht eine weitere Menge. Priyadarshini flitzt zur naechsten Medikamentenbude, um eine Spritze zu kaufen. "Das ist besser, sonst nehmen sie eine alte", erklaert sie. Unglaublich. Da haengt im Eingangsbereich ein Plakat, das fuer sterile Spritzen zur Praevention von AIDS wirbt, aber die Aerzte benutzen munter eine Spritze fuer mehrere Patienten, wenn der Patient keine eigene mitbringt. Die Diagnose lautet: Keine Malaria, dafuer Wuermer und Amoeben. Die Wuermer kann ich mit einer Tablette "wegkauen". Aber Amoeben sind schon hartnaeckigere und unangenehmere Bewohner. Nach drei Tagen gekruemmt im Bett geht es mir wieder einigermassen gut. Aber an Radfahren ist leider nicht zu denken. So vermasseln uns Wuermer und Amoeben die Abfahrt aus den Bergen!

Flucht geglueckt
Uwe, 29.12.02. Wir haben die Nase voll von Krankheiten, Kaelte und Abgeschiedenheit und steigen um 5.30 Uhr in den Bus (Bild 130kB) nach Haldwani. Es ist noch dunkel als wir durch die steilen Haenge fahren. Wegen der Dunkelheit ist es ein bisschen wie in einer Geisterbahn. Rechts der Felsen, links der Abgrund. Vor allem einige Frauen vertragen die Fahrt nicht. Immer wieder strecken sie die Koepfe zum Fenster raus. Am Bus sieht man von aussen recht deutliche Spuren, auch schon von frueheren Fahrten. Und Claudia hatte sich Sorgen auf der Fahrt nach Jaipur gemacht. Dabei ist es ganz einfach: Koepfchen raus, egal wo, wir sind in Indien. Kurz vor Haldwani nutzen wir eine Pause, um unsere Raeder abzuladen. Die letzten Kilometer rollen wir auf eigenem Rad in den Ort. Ein bisschen Abfahrt gerettet.

Claudia: Wir wollen weiter nach Delhi, stehen in Haldwani am Bahnhof. Ich stehe bei den Raedern und sehe Uwe, wie er sich aufregt. "Ich bekomme kein Zugticket, weil es kein Formular mehr gibt!". Alle Formulare sind einkassiert, da die Herren Bahnbeamten Feierabend machen moechten. Ich amuesiere mich ueber Uwe und sage "Wir sind in Indien. Geduld!" Dann gehe ich selbst los. Der Bahnbeamte erzaehlt mir, morgen koenne ich kein Ticket fuer den gleichen Tag kaufen. "Auch nicht wenn noch Plaetze frei sind!" patze ich zurueck und rege mich mindestens so auf wie Uwe zuvor. Es ist aber auch zum Haare raufen. Am naechsten Tag nehmen wir einen Bus nach Delhi.

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