Die Reise Album Amicorum Sprache English Espagnol Home Album Amicorum Mit dem Fahrrad zu den Kulturen der Welt Zusammenarbeit Infos aus aller Welt E-Mail Nehmen Sie Kontakt zu uns auf.

Die Route

Berichte
   Planung

  Asien
   Indien
   Thailand
   Laos
   Vietnam
   Kambodscha

   USA

  Südamerika
   Peru
   Bolivien
   Paraguay
   Brasilien


  Afrika
   Südafrika
   Swaziland
   Mosambik
   Malawi

Ausrüstung

Frühere Reisen


Indien: Kerala - Maharashtra - Rajasthan - Uttar Pradesh - Uttaranchal - Delhi (Dez 2002)

Sylvester in Delhi

Delhi im Winter
Claudia: Dehli, 30.12.02. Wir landen im Dunkeln an einem Busbahnhof 15 Kilometer ausserhalb von Delhi. Erstaunlich gut klappt die Weiterfahrt mit einem Taxi. Unser Fahrer sieht recht serioes aus. Es ist ein unglaublich grosser Sikh mit grossem Turban, passt kaum in die kleine Karre. Aber im Auto verwandelt sich selbst der serioesest erscheinende Inder in einen Raser. Er faehrt mitten auf der Strasse oder ganz rechts. Es ist wie in einem Videospiel. Voellig unwirklich rasen bei diffusem Licht auf relativ breiter Strasse viele kleine Rikschahs, Busse, Trucks aufeinander zu und zur Seite weg oder haarscharf aneinander vorbei. Das Licht funktioniert nur bei den wenigsten vollstaendig, bei vielen gar nicht. In Parharganj am Main Bazaar werden die Strassen eng und sind voll von Fussgaengern, Fahrrad-Rikschas, Mopeds und Kuehen. Hier sind die meisten guenstigen Hotels. Wir laden vorm Hare Krishna ab, checken ein und sind mitten in Delhi. Das alles haben wir uns viel nerviger und schwieriger vorgestellt. Jetzt sind wir doch Sylvester in Delhi. Wir sind froh ueber unsere gelungene Flucht aus den kalten, einsamen Bergen.

Aber auch Delhi zeigt sich grau und kalt. Doch fuer Uwe ist es das Schlaraffenland. Seit seiner Krankheit in Kausani war es schwierig, Kalorien in den Mann zu bekommen. Immer nur Omelettes! In Delhi schlaegt er zu und kommt aus dem Essen gar nicht mehr raus: Pizza, Quiches, Lasagne, Apfelstrudel!
Uwe: Und die Gerichte klingen nicht nur gut, sie schmecken auch ausgezeichnet. Der Apfelstrudel ist wirklich wie von meiner Mama!
Lecker Essen.
(Vergroessern, 73 kB)

Claudia: 31.12.02. Wir sitzen gerade wieder in Sam`s Cafe und schlemmen ein paar der feinen Koestlichkeiten, da schlufft ein bekanntes Gesicht die Treppe rauf. Es ist Juergen Erdmann, der mit seinem geklauten Gartenzwerg durch die Welt reist und immer wieder den ahnungslosen Besitzern Fotos schickt (schon lange vor "Amelie"). Wir hatten ihn Pfingsten 2002 auf dem Globetrotter-Treffen in Hachenburg, Hessen, kennen gelernt. Jetzt ist er auf dem Weg zu den Andamanen. So feiern wir gemeinsam Sylvester. Mit dabei ist noch Woody, ein Kite-surfbegeisterter Neuseelaender, ein geschichts- und kulturbewusster Franzose, ein lauter Inder und ein kichernder Japaner. Wir sitzen ungemuetlich im Hotel Vivek. Die wenigen Bars in der Naehe haben alle geschlossen! Vom Dach des Hotels schauen wir uns das Feuerwerk an, das vereinzelt abgeschossen wird. Ich knipse zum ersten Mal mit einem Mobile ein Foto. Klar, das Mobile gehoert dem Japaner. Frohes Neues Jahr!

Es lebe die Vielfalt
Uwe: Es ist schon komisch. Da hat uns fast jeder von Delhi abgeraten ("Delhi ist nur schrecklich", "Es gibt nichts Gutes an Delhi") und jetzt geniesse vor allem ich den Aufenthalt. Ich habe das Gefuehl, mich hier entspannen zu koennen. Ich schlemme mich durch die Cafes und Restaurants, wir treffen viele nette Reisende und die anstrengenden Seiten Indiens sind uns schon vertraut. Auf dem Main Bazaar, der belebten "Geschaeftsstrasse" im Parharganj-Viertel bin ich permanent damit beschaeftigt, anderen Fussgaengern auszuweichen, nicht von einer Rikscha ueberfahren zu werden, die aufdringlichen Haendler abzuwimmeln, den Kuhfladen auszuweichen, das eigentliche Ziel und vor allem Claudia nicht aus den Augen zu verlieren. Am schlimmsten finde ich die wahnsinnigen Scooterfahrer, die laut hupend durch die Menge rasen und darauf vertrauen, dass schon alle beiseite springen. Nicht selten werden doch Leute angerempelt. Dagegen sind die Kuehe, die sich stumpf, unbeirrbar und schoen langsam durch das Chaos bewegen, regelrechte Ruhepole. Obwohl auch die rempeln koennen, und wie! Alles andere als Ruhepole sind aber die zahllosen Stromgeneratoren, die vor jedem Shop stehen. Wenn der Strom ausfaellt, und das passiert jeden Tag mehrmals, wird nicht nur zusaetzlicher Laerm, sondern natuerlich auch Abgasgestank produziert. Dann wird`s langsam unangenehm. Sonst macht es schon Spass, gebratene Kartoffeln aus einem Schaelchen zu naschen und das Treiben zu beobachten.

Die Menge an Leben und Vielfalt ist einzigartig. Obwohl in dieser Strasse unendlich viele Touristen die Hotels bevoelkern, findet gleichzeitig das normale indische Leben statt. Da deckt sich eine Inderin mit einem neuen Saree-Stoff ein, dort laed ein Japaner seine Bilder von der Digitalcamera ins Internet. Es gibt auch hier Bettler. Ein behinderter Junge, der eine Koerperhoehe von ungefaehr 80 cm erreicht, bewegt sich wie eine Strandkrabbe mit Haenden und Fuessen ueber die schlammige Strasse und schaut mich mit grossen Augen von unten an. Direkt vor unserem Hoteleingang sitzt eine alte Frau und haelt die Hand auf. In Deutschland waere sie laengst vertrieben worden. In Indien gehoeren auch die Bettler zur Gesellschaft und werden akzeptiert.

Es lebe das Chaos
Das Treiben auf dem Main Bazaar wirkt chaotisch. Im Kleinen setzt sich dieses Chaos fort. Claudia guckt sich Schals an, in einem Laden, der aus kaum mehr als einer Nische in einem Durchgang zu ein paar Hinterhaeusern besteht. Viele Artikel liegen wie auf einem Wuehltisch auf einem Haufen. Und was noch verpackt im Regal liegt, zieht der Verkaeufer fix raus, zeigt es Claudia, um damit den Wuehlberg zu vergroessern. Zwischendurch bewundere ich die elektrischen Installationen in der Nische. Es sieht so aus, als befaende sich hier auch die Schaltzentrale fuer die ganzen Hinterhaeuser. Mindestens zwanzig praehistorische, riesige Schalter sind mit wohl 20.000 dicken, verstaubten Kabeln irgendwie verbunden. Viele Kabelenden blank, einfach so. Es ist kein System zu erkennen und die ganze Wand ist voll. Der Shopbesitzer kann hier jedenfalls nicht sein Sortiment erweitern. Vielmehr ist das Gewirr dazu geeignet, Schmutz und allerlei Viechzeug zu fangen.

Mehr Platz gibt es in Neu Delhi. Hier sind die Strassen breit und es gibt Buergersteige. Das heisst natuerlich nicht, dass hier keine Kuehe unterwegs sind (Bild 80kB).

Tempel-Tour in Delhi
Claudia: Wie ueberall in Indien gibt es auch in der Hauptstadt zahlreiche Tempel. Wir besuchen den Lotus-Tempel. Der sieht aus wie eine grosse Lotusbluete. Am schoensten an dem Gebaeude ist die Vorstellung, es koenne sich womoeglich oeffnen. Es sieht fast so aus. Der Lotus Tempel.
Eine unglaublich gepflegte Anlage umzingelt den Tempel. Viele Sicherheitsleute laufen herum und sind damit beschaeftigt, dass keiner den Rasen betritt. Pilger bleib auf deinem Wege. An einem bunkerartigem Gebaeude entsteht eine Schlange. Hier koennen wir die Schuhe ausziehen und abgeben. Auch vor dem Tempel gibt es eine Schlange. Freundliches Personal begruesst die Menge, erlaeutert, dass jeder aufgefordert ist, in seiner Religion und fuer seinen Gott zu beten. Das beweist einmal mehr die Toleranz, die so oft in Indien zwischen den Religionen zu spueren ist.
Drinnen stehen kuehle Marmorbaenke. Alles ist unglaublich schlicht, wirkt ein bisschen kalt. Der Tempel ist aussen wegen seiner aussergewoehnlichen Bauweise ein Touristenmagnet. Innen jedoch, so erscheint es mir, wird keine der verschiedenen Religion wirklich gelebt.

Das krasse Gegenstueck befindet sich nur einige Schritte entfernt. Wir gehen ueber die Strasse, landen ploetzlich in einem Viertel, als waeren wir in einem kleinen indischen Dorf. Viele Staende verkaufen die ueblichen Devotionalien: Kokusnuesse, Bluetengirlanden und derlei. Bald schon stehen wir - ganz ungewollt - wieder in einer Schlange. Wieder heisst es Schuhe aus. Wir zoegern kurz. Schmuddelige Pfuetzen auf einem gekachelten Weg machen nicht gerade Lust auf Barfusslaufen. Was soll`s. Wir sind mittendrin.
Am Tempel geht es einmal rum und dann rein. Und innen ist es mehr wie auf einem Jahrmarkt als in einem Tempel. Zwei Maenner stehen in der Mitte und nehmen die Opfergaben der draengelnden Menge an, meistens Blumen, schaffen sie beiseite. Platz fuer mehr muss her. An der Seite werden wir mit einem roten Band um den Arm versorgt und um eine Spende gebeten. Ein marmorner Schrein scheint wichtig und heilig zu sein. Alle fassen ihn an, halten dort inne, beten. Was fuer ein Tumult. Was fuer ein Kontrast zum Lotus-Tempel.

Der Harekrishna Tempel. Aber es geht noch weiter. In der Ferne sehen wir einen weiteren, architektonisch auffallenden Tempel. Es ist ein Hare Krishna Tempel. Viele junge Menschen und Hare Krishna Anhaenger sind hier. Mitgliedschaften werden angeboten. Bollywood-Buehnenbildner haben hier eine Multimedia-Ausstellung ueber die Veden geschaffen. Ein Guru-Abbild.
Alles macht einen aeusserst modernen Eindruck. Im Tempel singt jemand und spielt dazu auf einem Mini-Keyboard. An drei Altaren (Bild 90 kB) werden von jungen Moenchen Blumen und Spenden angenommen. Neben dem Eingang sitzt eine Statue des Gruender-Gurus, die fast lebendig aussieht.

Die deutschen Seiten von Delhi
Uwe: Was macht ein Deutscher fuenf Jahre lang in Delhi? Zum Beispiel die Sprachabteilung des hiesigen Goethe-Instituts leiten, in Delhi als Max Mueller Bhavan bekannt. Auf unsere Nachfrage stellt man uns Walter Schweppe vor. Er kuemmert sich darum, dass wir an einer Unterrichtsstunde Deutsch fuer Fortgeschrittene teilnehmen koennen. Neunzig Minuten unterhalten wir uns mit den jungen Inderinnen und Indern ueber Deutschland, Indien, ueber Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wir sind erstaunt ueber die erstklassigen Deutschkenntnisse. Die Verstaendigung klappt problemlos, die Lehrerin, Buneet, spricht fast akzentfrei.

Part of a class at the Max Mueller Bhavan (Goethe-Institut), New Delhi
(mehr Leute hier)
Uns macht der Austausch viel Spass und Buneet fand`s wohl auch gut. Sie fragt uns, ob wir am naechsten Tag nochmal kommen. Gerade bespricht sie mit ihren Schueler einen Text, indem sich eine Franzoesin ueber den deutschen Aufkleber "Parke nicht auf unseren Wegen" auslaesst. Dazu haetten wir nur zu gern Stellung bezogen. Leider klappt es nicht, da wir unerwartet zuegig einen Flug nach Bangkog bekommen.

Eine indische Seite von Delhi
Die Taxifahrt zum Flughafen klappt auch mit den Raedern problemlos. Wir wundern uns nur, dass bei jedem Ampelstopp die Tueren des Fahrers und seines befreundeten Beifahrers synchron auffliegen. Wollen die mit den Nachbarn im anderen Auto quatschen? Nein, sie wollen "nur" spucken. Eine indische Sitte, mit der ich mich in den ganzen drei Monaten nicht anfreunden konnte, scheint hier in Delhi besonders ausgepraegt zu sein: das Kauen und Ausspucken der Bethelnuss. Am Connaught Place sind alle Gebaeudeecken und Saeulen rot davon. In der Zeitung lesen wir, dass die Metro nach dem Eroeffnungstag voellig verschmutzt war. Ueber eine Millionen Menschen wollten transportiert werden - und dabei spucken. Nicht selten haben Maenner voellig rote Zaehne. Da bekommt ein Laecheln ganz neue Seiten. Aber das ist nur eine von unendlich vielen Seiten Indiens...

Indien - wie war`s?
Claudia und Uwe: Indien erstaunt. Indien ist anstrengend. Indien gibt Hoffnung.
Viele Menschen schaffen es, ein Gemeinschaftsgefuehl zu entwickeln und friedlich und tolerant miteinander zu leben. Das ist der Aspekt, der uns am meisten an Indien beeindruckt. Immer wieder hoeren wir von Indern, dass sie die Vielfalt an Religionen und Kulturen in ihrem Land lieben. Anders sein ist interessant. Das erfahren auch wir als Reisende in Indien, ziehen wir doch stets zahllose Menschen an. Und das ist der Aspekt, der auch unheimlich anstrengend sein kann. Es ist einfach nicht moeglich, mal selbst in Ruhe zu beobachten oder eine Sehenswuerdigkeit in Ruhe anzuschauen. Als Auslaender sind wir einfach zu spannend und immer umzingelt. Und dann noch mit Fahrraedern aus Deutschland...

Die Menschen in Indien sind hilfsbereit zueinander. Wo viele Menschen sind, gibt es auch viele Menschen mit viel Zeit. Das jemand etwas alleine machen muss, kommt kaum vor. In der Regel sind die Inder sehr gesellig und haben ueberhaupt keine Scheu voreinander, aber auch keine Privatsphaere. Ist im Bus kein Platz mehr frei, setzt man sich halt auf den Schoss des Ticketverkaeufers. Ausser in sehr abgelegenen Gebieten hatten wir nie Angst um unser Hab und Gut. Kriminalitaet ist nicht spuerbar.

Trotz des starken Gemeinschaftsgefuehl gibt es aber offensichtlich wenig Sinn fuer gemeinsame Ressourcen. Die Fluesse in den Staedten sind grausam verschmutzt. So viele Menschen muessen ohne gutes Trinkwasser leben. Das macht krank. Reine Luft und reines Wasser - in Indien spueren wir oft, wie es sich anfuehlt, wenn es beides nicht gibt.

Sarees, Hindi-Filme, Hindi-Musik - es ist grossartig. Zwar werden wir uns nicht so richtig an die hochgetunten Frauenstimmen und die von schraegen Tanzszenen unterbrochenen Masala-Filme begeistern koennen. Aber wenn sich schon das Fernsehen weltweit verbreitet, dann muss es nicht ueberall Hollywood sein. Nein, es gibt auch Bollywood. Mit sensationellem Erfolg bei einer Billionen Zuschauern. Indien ist traditionsbewusst und erhaelt sich die Tradition auch in modernen Medien. In ganz Indien kleiden sich Frauen in bunte und aeusserst schicke Sarees. Auch das ist gelebte Tradition.

Uns gefaellt die Gemeinschaft der Frauen, die schwaetzend immer in Gruppen unterwegs sind, um Wasser oder Holz zu holen oder um Waesche im Fluss zu waschen. Sie klettern auf die Baeume und hacken die Aeste und laufen steilste Haenge auf und ab, mit unglaublicher Menge an Ladung auf Kopf oder Ruecken. Sie arbeiten so schwer und sind dabei so gut gelaunt. Aber in der indischen Gesellschaft haben Frauen immer noch einen schweren Stand, werden nicht gleichberechtigt anerkannt. Schlimm ist auch, dass viele Kinder ohne Kindheit aufwachsen, schon frueh arbeiten muessen Es gibt viel Armut und viele Menschen sind unsaeglich duenn.

Was uns immer wieder umhaut, ist das offenherzige Lachen, dass uns entgegenstrahlt, eine Lebensfreude trotz schweren Alltags. Es ist so oft so, dass wir fast ein schlechtes Gewissen haben, leisten uns den Luxus einer solchen Reise, waehrend die Frauen am Strassenrand Steine klein klopfen muessen. Aber die Frauen strahlen uns an, ohne Argwohn oder Neid. Kein unangenehmes Gefuehl kann sich breit machen.

Indien steht fuer Spiritualitaet. An der Oberflaeche ist sie im Schmutz und Laerm kaum zu entdecken. Und dennoch praegt die Religon - egal welche - den Alltag. So schneiden sich die Sikh die Haare nicht und tragen sie unter grossen Turbanen, die jungen Sikh unter einem Kopftuch mit Haarbobbel. Die Hindus haben oft Tikhas auf der Stirn. Die Zeichen tragen sie mit Pigmentpulver entweder selbst auf, oder ein Priester oder Sadhu macht dies beim Gebet. Ueberall gibt es Tempel und kleine Altare. Viele Menschen stehen um vier Uhr morgens auf, um zu meditieren. Viele denken ueber den Sinn des Lebens und die Entstehung der Welt nach und versuchen, sich selbst spirituell weiter zu entwickeln. Immer wieder werden wir in philosophische Gespraeche verwickelt.

Es ist schwierig, Indien in ein paar Worte zu fassen. Indien ist nicht leicht zu begreifen, ein Wechselbad der Gefuehle. Indien regt zum Denken an. Indien fasziniert.

Kerala     Maharashtra     Rajasthan     Uttar Pradesh     Uttaranchal     Delhi     Seitenanfang